Viele reiche Erben sind heute offener gegenüber einer Erbschaftssteuer

Im Zusammenhang mit dem Buch „Erbe als Verantwortung“ hat der Tagesanzeiger am 2. Oktober 2025 ein Interview publiziert. Der Inhalt bezieht sich unter anderem auf den bestmöglichen Umgang gut situierter Familien mit ihrem Vermögen.

Jorge Frey berät vermögende Familien bei speziellen Heraus­forderungen. Erben sei komplex, sagt der Fachmann und erklärt, wie man einen Erbstreit verhindert.


Link zum vollständigen Artikel

MFO-Buchvernissage von «Erbe als Verantwortung»

Am 18.09.2025 hat an der Bellerivestrasse der Anlass zur Publikation des Buches von Jorge Frey und Eugen Stamm stattgefunden. Im Buch geht es darum, wie es der nächsten Generation von Erben und Familienunternehmern gelingt, dem Familienvermögen eine eigene Prägung zu geben und wie es ihr Leben bisher beeinflusst hat.

Hundert geladene Gäste folgten dem spannenden Referat von Natalie Spross, wie der Vermögensübergang in ihrer Firma stattgefunden hat. Nach ihrem Referat wurde in einem Panel mit VertreterInnen der Next Gen, den Autoren und der Wissenschaft Fragen diskutiert, wie sich das Verhältnis zum Familienvermögens im Laufe der Jahre verändern kann und ob es Pflicht, Privileg oder manchmal auch Last bedeutet und wie sie ihr Leben mit oder ohne das Vermögen gestalten wollen.

Wieso es ein Buch und die Auseinandersetzung zu diesem Thema braucht, bestätige die Auseinandersetzung und Diskussion der Gäste im anschliessenden Q&A. Das Thema des Vermögensüberganges, volumenunabhängig, wird uns weiter beschäftigen. Herzlichen Dank an die Teilnehmenden, den Gästen und die Organisation.

Das liebe Geld und die Vergänglichkeit

von Jorge Frey

Der Wirtschaftsaufschwung ist seit über 70 Jahren ungebrochen und wurde genährt von Vorfahren, die wünschten, dass es ihren Kindern und Nachkommen einmal besser gehe. Besser bedeutete damals vor allem materiellen Fortschritt. Dieser Wunsch erfüllte sich auf eindrückliche Art und Weise. In Deutschland, Österreich und der Schweiz gehen mehr Vermögen auf die nächste Generation über als jemals zuvor. Trotzdem glaube ich, dass die meisten entwickelten Länder an einem Wendepunkt stehen und auf die Millennials und die Digital Natives große Herausforderungen zukommen. Um diese zu meistern, brauchen wir das Interagieren und das Aufeinanderzugehen aller Generationen.

Reichtum kann auch eine Last sein

Wie gelingt in wohlhabenden Familien die Übergabe des Vermögens von einer Generation zur nächsten? Ein neues Buch liefert Leitlinien zu dieser Frage.

NZZ – Michael Ferber

Darüber, wie Geld am besten verwaltet wird, gibt es viel Literatur – darüber, wie eine Vermögensübergabe von einer Generation zur nächsten gelingt, deutlich weniger. In einem Land wie der Schweiz, das ein Zentrum der Vermögensverwaltung ist und in dem jedes Jahr zwischen 60 und 70 Milliarden Franken vererbt werden, stellt dies eine Lücke dar. Jorge Frey und Eugen Stamm haben für ihr Buch «Von Geld und Werten» Gespräche mit dreissig Vertretern von vermögenden Schweizer Familien geführt, um Erfolgskriterien für die Vermögensübergabe herauszuarbeiten.

Grosser Erfolgsdruck für die Jüngeren

Das Schlagwort hierbei lautet Family Governance. Dabei geht es laut den Verfassern um die Aufgabe einer vermögenden Familie, «sich darüber zu einigen, wie sie mit ihrem Vermögen umgehen will, was es für sie bedeutet und welchen Zweck es hat». Dieses familiäre Einverständnis soll die Basis für die Verwaltung des Vermögens bilden und bei Konflikten Lösungen ermöglichen.

Normalsterbliche Leserinnen und Leser mögen diese Thematik als Luxusproblem abtun. Doch das Buch zeigt immer wieder anhand von Praxisbeispielen, wie grosse Vermögen Familien auseinanderdividieren können. Reichtum liefert nicht nur Freiheit, sondern kann auch zu einer Last werden. Dies gilt unter anderem für den Nachwuchs.

So ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieser so erfolgreich wird wie seine Vorfahren, statistisch gesehen klein, die Erwartungen an ihn sind aber oftmals hoch. Ein Interviewter beschreibt es als Last, dass er als Kind von einem Chauffeur in die Schule gefahren worden sei und nach dem Unterricht im Winter nicht mit den anderen Kindern habe Schlitten fahren können, weil dieser schon auf ihn gewartet habe.

Abschottungs-Trend bei Wohlhabenden

Zwar wachsen in der Schweiz viele Kinder vermögender Familien ähnlich auf wie jene von Familien mit durchschnittlichen Einkommen, doch laut Frey und Stamm ist in den letzten Jahren auch hierzulande mancherorts bei Vermögenden eine Tendenz hin zur Abschottung zu beobachten.

Die beiden Autoren schmücken ihre Ausführungen zu einer guten Family Governance mit allerhand konkreten Beispielen aus. Frey und Stamm liefern einige Leitlinien, wie die Vermögensübergabe gelingen kann. Sie empfehlen vermögenden Eltern, ihre Kinder in normalen Verhältnissen aufwachsen zu lassen, damit diese ihren eigenen Weg gehen können und dieser nicht gleich als rasanter Abstieg empfunden wird. Zudem sollten die Eltern ein Vorbild im sorgsamen Umgang mit Vermögen sein und ihren Nachwuchs im Umgang mit Geld entsprechend ausbilden.

Als wichtig gilt auch eine offene Kommunikation unter den Familienmitgliedern, gegenseitiger Respekt und die Vereinbarung gemeinsamer Werte, die sich möglicherweise in einem Familienleitbild äussern. Des Weiteren sollte die Nachlassplanung frühzeitig erfolgen, die Nachkommen einbeziehen, frei von erzieherischen Massnahmen sein und alle Nachfahren gleich behandeln.

Jorge Frey, Eugen Stamm: Von Geld und Werten. Ungeschriebene Gesetze für eine erfolgreiche Vermögensübergabe. NZZ Libro, Zürich 2019. 176 S., 34 Fr.

Von Geld und Werten

Jorge Frey (1963) hat eine klassische Bankausbildung und arbeitet seit 2006 als Managing Partner bei Marcuard Family Office. Der Jurist Eugen Stamm (1977) schreibt als freier Journalist für die NZZ und NZZ am Sonntag und seit 2018 für die Investmentplattform investiere.ch.

Berater von Family Offices begleiten vermögende Familien unter anderem dabei, wie die Nachkommen auf die Verantwortung eines grossen Erbes vorbereitet werden. Dieser Prozess beinhaltet nicht nur, wie man ein Vermögen verwaltet, sondern auch wie man es weitergibt und mit welchen Werten es verbunden ist. Die beiden Autoren betrachten dasselbe aus verschiedener Perspektive und haben diverse Stimmen aus und für die Praxis gesammelt, um daraus Lehren zu ziehen, von denen alle profitieren können. Wie die Autoren konstatieren, thematisiert das Buch einen relativ kleinen, verschwiegenen Kreis von Familien, die nicht nur wohlhabend sind, sondern so reich, dass die Kosten des Wohlstandes durch die Vermögenserträge gedeckt werden können. Es geht ihnen hier aber weniger um technische Details der Nachlassplanung, sondern um weiche Faktoren wie Emotionen und psychologische Sachverhalte.

Dazu haben die Autoren viele Interviews mit Kunden von Family Offices geführt und das Resultat in zehn Kapiteln auf knapp 160 Seiten zusammengefasst. Sie sehen es als ein meritokratisches Prinzip in der Schweiz, dass «Leistung und unternehmerischer Erfolg Einkommen legitimieren». Hat ein ererbtes Vermögen aber einen zu starken Einfluss auf Identität und Lebensinhalt, bestehe die Gefahr, einen wichtigen Teil seines Lebensglückes zu verlieren, so die Autoren. Zu viel Geld könne auch zu Isolation führen. «Baue einen längeren Tisch, um andere einzuladen, nicht höhere Mauern, um sie fernzuhalten» so das Autorenduo. Niemand möchte Knecht seines Besitzes werden, aber welche materiellen Werte braucht es, um glücklich zu sein? Nachkommen erwerben Vermögen verbunden mit Erwartungen. Geld zu besitzen heisst, Möglichkeiten zu haben. Aber zu viele Wahlmöglichkeiten zu haben, könne auch paralysierend wirken.

Heute fristen viele Nachkommen reicher Familien ein «Leben im Wartesaal» – denn die Erbschaft kann meist erst angetreten werden, wenn sie selber schon in Pension sind (Prinz Charles Effekt). Und in der Schweiz werden jährlich 60 – 70 Milliarden Franken vererbt. Die Autoren betonen, wichtig seien Transparenz und eine offene Kommunikation: Schliesslich habe man nur so lange man lebe, die Möglichkeit, seine Entscheidungen zu begründen und zu besprechen. Aber eine vorzeitige Vermögensübergabe sei halt oft mit einem Bedeutungs- und Machtverlust verbunden. Materielle Geschenke können Ausdruck von Liebe sein, aber umgekehrt auch als Mittel von Kontrolle oder Beeinflussung wahrgenommen werden.

Was braucht die Schweiz, damit das ausgeprägte Unternehmertum erhalten bleibt? Grosser Wohlstand kann schliesslich auch den Ehrgeiz ersticken. Die Autoren empfehlen, den Nachwuchs nicht zu rasch an die Verantwortung, die grosses Vermögen mit sich bringt, heranzuführen. Eine Liste von Daniell und Hamilton, in welcher Alterskategorie welche Fragestellungen im Vordergrund stehen sollen, bildet dafür eine geeignete Grundlage.

Ein Governance-Berater kann helfen, dass Familienmitglieder zusammenkommen und eine eigene, gemeinsame Lösung finden. Seitens Berater setzt das Demut und Geduld voraus – also typische MediatorQualitäten. Er muss gut zuhören, die richtigen Fragen stellen und Präferenzen und Ziele genau artikulieren können. Auch dazu gibt’s eine Liste mit bewährten Fragen. Die steuerliche und rechtliche Nachlassplanung ist davon zu trennen. Die Honorarsätze würden sich zwischen 200 – 600 CHF bewegen, so die Autoren.

Viele (anonymisierte) Praxisfälle zeigen, welche Fehler zu vermeiden sind und wie ein «Familienleitbild» bei diesem Prozess helfen kann. Es soll nicht einengen, sondern handlungsanleitenden Charakter, ja vielleicht auch philantropische Kraft besitzen.

Insgesamt ein zeitgemässes und aufschlussreiches Buch – ein konkreter Nutzen für die Finanzplanung von wohlhabenden Kunden erschliesst sich nicht auf den ersten Blick. Aber er öffnet einem die Augen für übergeordnete Fragestellungen, die ebenfalls für eine langfristige Planung zu berücksichtigen sind. Topaktuell auf die Schweizer Verhältnisse bezogen und praxisbezogen – eine klare Lese-Empfehlung! «Wealth comes like a turtle and goes away like a gazelle.»

© Reto Spring Dipl. Finanzplanungsexperte NDS HF, CFP® Präsident Finanzplaner Verband Schweiz, Zollikon

1 Jorge Frey / Eugen Stamm (2019), Von Geld und Werten. Ungeschriebene Gesetze für eine erfolgreiche Vermögensübergabe. NZZ Libro, Schwabe Verlagsgruppe, Zürich, ISBN 978-3-03810-403-2

Millennials ticken anders – auch in Vermögensfragen

NZZ – Michael Ferber

Millennials hinterfragen finanzielle Entscheide ihrer Eltern und fordern mehr Kommunikation ein. Für viele Nachkommen wohlhabender Familien ist das Vermögen auch eine Last. Dies sorgt für Herausforderungen.

In der Schweiz werden in jedem Jahr 60 bis 70 Mrd. Fr. an Vermögen vererbt. Die Übergabe dieser Gelder von einer auf die nächste Generation birgt einige Herausforderungen. Zudem «ticken» die jüngeren Generationen der Millennials (Jahrgänge 1981 bis 1996) und der Generation Z (Jahrgänge 1997 bis 2010) in Finanzangelegenheiten in mancherlei Hinsicht anders als ihre Eltern – und hinterfragen deren Anlageentscheide. Darin sind sich Spezialisten im Bereich Family Governance einig, und auch mehrere jüngst erschienene Publikationen zeigen dies.

Tabus um das liebe Geld

Bei vielen dieser Familien handelt es sich um Unternehmerfamilien. Die Übergabe des Unternehmens und der Vermögen stellt diese oftmals vor grosse Herausforderungen, wie eine Publikation der Credit Suisse und der Young Investors Organisation (YIO) – eines globalen Netzwerks von jungen Mitgliedern aus einflussreichen Unternehmerfamilien – zeigt. Dazu wurden im vergangenen Jahr mehr als 200 Mitglieder der YIO und ihrer Familien befragt.

Auch in einigen wohlhabenden Familien scheint Geld bis zu einem gewissen Grad als Tabuthema behandelt zu werden. Jedenfalls wünschen sich laut der Publikation viele der jüngeren Mitglieder dieser Familien – im Finanzjargon als «next generation» bezeichnet – einen verstärkten generationenübergreifenden Dialog. 59% der Befragten gaben an, sie würden in der Familie gerne offener über Vermögen sprechen. Mehr als zwei Drittel von ihnen gingen davon aus, dass ihre Familien von einer gesteigerten Kommunikation profitieren würden.

Respekt und Toleranz nötig

Es sei oftmals eine grosse Herausforderung, dass die zwei oder möglicherweise drei Generationen zusammen an einen Tisch sitzen und das Thema Vermögensübergabe besprechen, sagt Vanessa Fasciati, Spezialistin für Family Governance bei dem Unternehmen Marcuard Family Office. Es sei wichtig, dass die Generationen sich auf gemeinsame Familienwerte einigten und sich tolerant und respektvoll gegenübereinander zeigten. Bei diesem Prozess sei es wichtig, Klarheit darüber zu erlangen, was die Familie mit dem Vermögen überhaupt erreichen wolle und welche Risiken gegebenenfalls damit verbunden seien. Ein externer Moderator sei in diesem Prozess oftmals hilfreich.

Bei der Verwaltung der Vermögen treten ebenfalls unterschiedliche Ansichten zwischen den Generationen zutage. Den Millennials wird oftmals ein überproportionales Interesse an nachhaltigen Anlagen zugeschrieben. In der Umfrage von CS und YIO gaben 27% der Befragten an, für ihr Vermächtnis sei es ihr Ziel, einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft zu hinterlassen. 86% der Befragten teilten mit, Interesse an Anlageprodukten aus den Bereichen Nachhaltigkeit und Impact Investing zu haben. Allerdings zeigt die Untersuchung auch, dass die Produkte in der Praxis von den YIO-Mitgliedern noch vergleichsweise wenig angewandt werden – nur 24% gaben an, tatsächlich in solchen Anlageprodukten investiert zu sein.

Vermögen als Last

In der Praxis sei zu beobachten, dass Millennials oftmals die Anlageentscheide ihrer Eltern hinterfragten, sagt Fasciati. Die GenerationY sei oftmals bei Vermögensanlagen idealistischer eingestellt und wolle mit ihren Investitionen auch etwas Gutes bewirken. Allerdings stelle sich hierbei die Frage, inwieweit dies mit dem Alter erklärbar sei. Jedenfalls sind die Vorlieben der «next generation» für Finanzinstitute sehr relevant. Bereits heute spielten 39% der Befragten eine aktive Rolle bei der Verwaltung des Familienvermögens, heisst es in der Studie von CS und YIO. 97% sind daran interessiert, hier aktiv mitzuwirken.

Dass das Erbe für die Sprösslinge wohlhabender Familien zwar Freiheit bedeutet, aber auch eine gewisse Bürde, wird in der Studie ebenfalls deutlich. 45% der Befragten gaben jedenfalls an, sie empfänden die Erwartungen ihrer Familie des Öfteren als Last. Bei vielen wohlhabenden Familien werde der Druck auf die jüngere Generation unterschätzt, sagt Fasciati. Dabei sei die Chance, ähnlich erfolgreich zu werden wie die Eltern, statistisch gesehen relativ klein.

Gleichzeitig werde der Nachwuchs oftmals nicht besonders gut und nicht früh genug für seine kommende Verantwortung ausgebildet. Die Übergänge bei der Vermögensübergabe seien oft zu abrupt, sagt Fasciati. Der jungen Generation werde zu wenig die Chance gegeben, schrittweise in eine Aufgabe hineinzuwachsen – beispielsweise durch die Mitgliedschaft in einem Anlage-Komitee oder die Möglichkeit, hier in einer beobachtenden Rolle teilzunehmen.

Nicht immer geht es harmonisch zu

Oftmals kommt es auch zu Meinungsverschiedenheiten über die Zukunft von Unternehmen. Dies zeigt die Studie von CS und YIO anhand des Beispiels des thailändischen Familienunternehmens KTIS Group, eines Zuckerherstellers. Hier gab es Differenzen zwischen dem Patron und seiner Tochter, die in das Management geholt wurde. Dabei ging es vorallem darum, ob die Firma an die Börse gebracht werden solle oder nicht.

Am Ende überzeugte die Tochter den Vater, dass es für die langfristige Zukunft der Firma das Beste wäre, wenn diese kotiert wäre – und so ging KTIS 2014 in Thailand an die Börse. Die KTIS Group sei ein Beispiel dafür, wie die Einheit der Familie bewahrt werden könne, auch wenn einzelne Mitglieder in Kernfragen unterschiedlicher Meinung seien, heisst es in der Publikation. In solchen Fällen sei es sinnvoll, darüber nachzudenken, was das eigentliche Ziel der Familie mit dem Unternehmen sei. Auch wenn die verschiedenen Generationen unterschiedliche Arbeitsmethoden hätten, sei die Vision oft dieselbe. Zudem heisse Familieneinheit nicht unbedingt immer Familienharmonie.

Vermögen erfolgreich auf die Nachkommen übertragen

Ein neuer Leitfaden betont die Wichtigkeit von weichen Faktoren

NZZ Libro – Basel, im Mai 2019 – Jorge Frey, Eugen Stamm

Wie bereitet man seine Nachkommen auf die Verantwortung vor, die mit einem Erbe einhergeht? Wir wissen viel darüber, wie man ein Vermögen verwaltet. Wie man dieses aber weitergibt und mit welcher Grundhaltung man es verknüpfen kann, damit es zu einem Geschenk wird und nicht zu einer Last, darüber wird kaum nachgedacht. Ein neues Buch geht diesen wichtigen Fragen nach und bietet Anhaltspunkte und Ratschläge. Am 5. Juni 2019 kommt es in den Buchhandel.

«Wissen Sie, hätte mein Vater zu arbeiten gelernt und wäre ich in einer normalen Familie aufgewachsen, dann hätte ich es vielleicht auch zu etwas gebracht.» Kaspar stammte aus einer Familie, die Generationen vor ihm zu Reichtum gekommenen war. Zufällig sassen Kaspar und einer der beiden Buchautoren an einem schönen Nachmittag in einem Strassencafé und kamen ins Plaudern – v.a. Kaspar. Sein Fall steht jetzt als Mahnmal am Anfang des Buchs «Von Geld und Werten». Er zeigt, wie schwierig es sein kann, Vermögen von einer Generation auf die nächste zu übertragen und dass es mit einem Testament nicht getan ist. Viele Faktoren entscheiden über Erfolg oder Misserfolg, allen voran emotionale. «Ein Sprichtwort sagt, dass Geld den Charakter nicht verändert, sondern ihn sichtbar macht», schreiben Jorge Frey und Eugen Stamm im Vorwort.

Reichtum und vorgelebte Werte

«Umso mehr sollte man versuchen, zeit seines Lebens die familären Beziehungen so zu gestalten, dass sie auch nach dem eigenen Ableben intakt bleiben», so Frey und Stamm weiter. Ihr Buch handelt davon, wie man seine Nachkommen lehrt, vernünftig von der finanziellen Freiheit Gebrauch zu machen. Es lebt von den Erfahrungen vermögender Familien, die den Autoren Einblick in ihre Verhältnisse boten: Jorge Frey und Eugen Stamm haben sich mit über 30 Personen aus der ganzen Schweiz unterhalten. «Ihre Offenheit hat uns (…) positiv überrascht.»

«Wissen Sie, hätte mein Vater zu arbeiten gelernt und wäre ich in einer normalen Familie aufgewachsen, dann hätte ich es vielleicht auch zu etwas gebracht.»

«Vermögende werden erst dann zu ehrenwerten Bürgern, wenn sie ihren Beitrag zum Gemeinwohl leisten, sei es durch das Schaffen von Arbeitsplätzen, das Bezahlen von Steuern oder durch philanthropisches Engagement.» Wer die finanzielle Freiheit «nur zu seinem eigenen Vorteil nutzt, schadet nicht nur dem Gemeinwohl, sondern auch seiner Familie,» sind die Autoren überzeugt. «Denn man gibt mehr als nur Vermögen weiter – man vermittelt auch seine Einstellung dazu.»

Wie man beim Vererben Streit vermeiden kann

Die Autoren Jorge Frey und Eugen Stamm zeigen in ihrem Buch, wie brisant das Vererben ist; der sorgenfreie Weg eines Vermögens von einer Generation zur nächsten ist oft von Emotionen blockiert. Alte Verletzungen brechen wegen finanziellen Detailfragen auf, zementierte Rollenmuster zwischen den Kindern führen zu Streitigkeiten, all das zusätzlich zur Trauer. «Entscheidend in der Nachlassplanung sind nicht technische Details, sondern weiche Faktoren wie Emotionen und psychologische Sachverhalte.»

«Kinder, vertragt Euch!»

Ein erklärtes Ziel der Autoren ist deshalb, «vermögende Familien in diesem Prozess gedanklich zu unterstützen und Wege aufzuzeigen, wie eine erfolgreiche Vermögensübergabe vorbereitet wird.» Genauso wollen Frey und Stamm aber die Praktiker sensibilisieren, «die diese Familien in solchen Fragen beraten: Vermögensverwalter, Private Banker, Anwälte, Treuhänder, Psychologen und andere.»
«Die Essenz dessen, was man sich am Ende seines Lebens wünscht, hat eine Mutter einmal in ihrem Testament aufgeschrieben. Als es der Notar eröffnet, liest er nur drei Wörter vor: ‹Kinder, vertragt Euch!›»

Weitere Angaben zu den Autoren finden Sie hier.

Das Buch „Von Geld zu Werden“ können Sie bei NZZ Libro erwerben.

Weiterführende Links: www.familygovernance.ch


Geld haben sie, aber wenigstens kein Glück

NZZ – Rainer Zitelmann

Gegen Reiche gibt es viele Vorurteile, aus denen der Neid spricht. Doch dieser ist nicht überall gleich virulent.

Die Forschung hat bisher Tausende von Aufsätzen und Büchern zum Thema Vorurteile vorgelegt. Besonders intensiv wurden dabei Rassismus und Sexismus untersucht. Sehr viel weniger Untersuchungen gibt es über Vorurteile, die auf der Klassen- bzw. Schichtzugehörigkeit basieren. Man spricht hier von Klassismus. Inzwischen gibt es aber in den Vereinigten Staaten eine Reihe von Arbeiten, die sich mit Vorurteilen über arme Menschen befassen. Bisher kaum untersucht wurden jedoch Vorurteile über eine Minderheit: die Reichen. Die Social-Comparison-Forschung zeigt, dass wir uns andauernd – bewusst oder unbewusst – mit anderen Menschen vergleichen, um Informationen für unsere Selbstbewertung zu erhalten. Umgekehrt gilt: Wenn wir uns selbst bewerten, dann vergleichen wir uns mit anderen. Dieser Vergleich geschieht automatisch, weil wir uns nur im Vergleich mit anderen selbst wahrnehmen können. Neid kann entstehen, wenn sich Person A mit Person B vergleicht und Person B Eigenschaften, Güter oder Positionen besitzt, die Person A gerne hätte. Dass diese Vergleiche häufig unbewusst stattfinden, ist eine der Ursachen dafür, dass wir Neid gerne verdrängen.

Strategien gegen den Neid

Menschen versuchen, Neid zu reduzieren. Das kann geschehen, indem sie sich bemühen, die Lücke zwischen sich und dem Beneideten zu verkleinern. Gelingt das nicht, dann betont der Neider eigene Vorteile der Persönlichkeit, die auf einer anderen als der Vergleichsebene liegen. Der Neider kann beispielsweise sagen: Ich bin zwar nicht so reich wie X, aber dafür gebildeter oder warmherziger. Der Neider kann zudem die Felder, in denen er schlecht abschneidet, in ihrer Bedeutung herunterspielen,und jene Felder,in denen er gut abschneidet, herausstreichen. Wenn soziale Gruppen andere Gruppen als ökonomisch erfolgreicher wahrnehmen, können ihre Angehörigen Kompensationsstrategien entwickeln, um ihr Selbstwertgefühl zu erhalten. Angehörige höherer sozialer Schichten können die Kriterien für die Rangordnung in einer Gesellschaft – beispielsweise wirtschaftlicher Erfolg oder Bildung – leichter akzeptieren, weil sie selbst oben in der Hierarchie stehen. Angehörige höherer sozialer Schichten neigen in stärkerem Masse dazu, sich aufgrund sozioökonomischer und kultureller Merkmale von anderen Gruppen abzugrenzen, während die Angehörigen unterer Schichten sich eher auf moralische Kriterien stützen. Untersuchungen in den Vereinigten Staaten und in Deutschland deuten darauf hin, dass «Nicht-Reiche» Kompensationsstrategien verfolgen, indem sie die Bedeutung von wirtschaftlichem Erfolg für die Lebenszufriedenheit infrage stellen und bestimmte Werte wie zwischenmenschliche Beziehungen, Moral oder Familienleben höher gewichten. Doch dabei bleibt es nicht. Um sich über die Reichen stellen zu können, muss diesen pauschal abgesprochen werden, dass sie in diesen Bereichen möglicherweise gleich gut (oder vielleicht sogar besser) sein könnten. Die Stereotype, Reiche seien kalt, hätten ein schlechtes Familienleben oder ganz generell unbefriedigende zwischenmenschliche Beziehungen, seien egoistisch und hätten eine schlechtere Moral, dienen dazu, die eigene Überlegenheit zu postulieren. Das Gemeinsame jener Dimensionen, über die Angehörige von «sozial benachteiligten» Schichten behaupten, besser zu sein als die Reichen, ist, dass sie sehr stark der subjektiven Deutung unterliegen. Beispielsweise ist nachweisbar wer mehr Geld oder eine bessere Bildung hat; hier bleibt wenig Raum für Diskussion oder Interpretation. Anders verhält es sich mit der Frage, wer erfüllendere zwischenmenschliche Beziehungen unterhält oder bei wem das Familienleben besser funktioniert. Hier hängt die Antwort stark von der subjektiven Interpretation ab und ist für einen Aussenstehenden meist gar nicht erkennbar.

Wie sieht es im Westen aus?

Die Institute Allensbach und Ipsos Mori führten im Mai und Juni 2018 eine repräsentative Bevölkerungsstichprobe in Deutschland, den Vereinigten Staaten, Grossbritannien und Frankreich mit identischen Fragestellungen durch. Da Sozialneid nicht mit direkten Fragen («Wie neidisch sind Sie?») gemessen werden kann, wurden den Teilnehmern drei Aussagen vorgelegt, die ein Indikator für Sozialneid sein können: «Ich fände es gerecht, wenn die Steuern für Millionäre stark erhöht würden, auch wenn ich dadurch persönlich keinen Vorteil hätte»; «Ich wäre dafür, die Gehälter von Managern, die sehr viel verdienen, drastisch zu kürzen und das Geld an die Angestellten der Unternehmen zu verteilen, auch wenn diese dadurch vielleicht nur ein paar Euro im Monat mehr bekämen»; «Wenn ich höre, dass ein Millionär mal durch ein riskantes Geschäft viel Geld verloren hat, denke ich: das geschieht dem recht». Als «Nicht-Neider» werden jene bezeichnet, die keine dieser drei Fragen bejaht haben. Mit «Ambivalenten» sind jene gemeint,die eine der dreiAussagen unterstützen. Als «Sozialneider» werden jene bezeichnet, die zwei oder drei Aussagen unterstützen,wobei als «harter Kern» jene bezeichnet werden, die alle drei Aussagen bejahen. Zur Gruppe der Neider gehören in Deutschland 33 Prozent, in Frankreich 34, in den USA 20 und in Grossbritannien 18 Prozent. Da in allen Ländern die gleichen Fragen gestellt wurden, haben wir eine gute Vergleichsmöglichkeit. Grundlage der Vergleiche ist der Sozialneidkoeffizient. Er gibt das Verhältnis von Neidern zu Nicht-Neidern in einem Land an. Ein Wert von eins würde bedeuten, dass die Zahl der Neider und der Nicht-Neider gleich gross ist. Bei einem Wert unter eins überwiegt die Zahl der Menschen, die keinen ausgeprägten Sozialneid empfinden, bei einem Wert von über eins überwiegt die Zahl der Menschen mit ausgeprägtem Sozialneid. Der Sozialneidkoeffizient ergibt sich, wenn die Gruppe der Sozialneider (= zwei oder drei Fragen bejaht) zur Gruppe der Nicht-Neider (= keine Frage mit Ja beantwortet) in Relation gesetzt wird. Danach ist der Sozialneid in Frankreich mit 1,26 am grössten,es folgt Deutschland mit 0,97. In den USA (0,42) und Grossbritannien (0,37) ist er deutlich geringer. Die Trennschärfe dieser Kategorien zeigt sich vor allem darin, dass sich die so ermittelten Gruppen der Neider und der Nicht-Neider auch bei der Positionierung zu Dutzenden weiteren Aussagen deutlich unterscheiden. So wurden von der Gruppe der Neider als häufigste Persönlichkeitsmerkmale der Reichen Egoismus, Rücksichtslosigkeit, Materialismus, Überheblichkeit, Gier, Gefühlskälte und Oberflächlichkeit genannt. Nur 2 der 25 Persönlichkeitsmerkmale, die Sozialneider am häufigsten nannten, sind positiv, 23 dagegen negativ. Häufigste Persönlichkeitsmerkmale der Reichen aus Sicht der Gruppe der Nicht- Neider waren dagegen Fleiss, Intelligenz, Wagemut, Materialismus, Einfallsreichtum und visionäres Denken. Eine Frage diente dazu, herauszufinden, wie anfällig die Menschen in den vier Ländern für Sündenbockdenken sind. Den Befragten wurde folgende Aussage vorgelegt: «Superreiche, die immer mehr Macht wollen, sind schuld an vielen Problemen auf der Welt, etwa an Finanzkrisen oder humanitären Krisen.» In Deutschland ist die Zustimmung zu dieser Meinung mit 50 Prozent doppelt so hoch wie in Grossbritannien und den USA (25 und 21 Prozent). Das lässt vermuten, dass sich Aggressionen gegen Reiche und die Bereitschaft der Politik, gegen diese vorzugehen, in einer akuten Finanz- oder Wirtschaftskrise in Deutschland eher mobilisieren liessen als in den angelsächsischen Ländern. In Frankreich liegt die Zustimmung bei 33 Prozent.

Wem man es gönnt

Insbesondere die Gruppe der Neider ist anfällig für Sündenbocktheorien, was belegt, wie gut die Sozialneidskala zwischen Neidern und Nicht-Neidern unterscheidet. In Deutschland neigen 62 Prozent der Neider, aber nur 36 Prozent der Nicht-Neider zum Sündenbockdenken. In den anderen Ländern verhält es sich ähnlich.Diejenigen,die dem Sündenbockdenken anhängen, neigen auch stärker zum Nullsummenglauben. «Je mehr die Reichen haben, desto weniger bleibt für die Armen übrig»: Dem stimmen Mehrheiten der Sündenbockdenker in allen vier Ländern,also in Deutschland (60 Prozent), Frankreich (69 Prozent), Grossbritannien (57 Prozent) und den USA (65 Prozent), zu – aber nur 35, 41, 30 und 24 Prozent von jenen Befragten, die nicht dem Sündenbockdenken zuneigen. Ein wichtiges Ergebnis der Befragung lautet, dass junge Amerikaner den Reichen deutlich skeptischer gegenüberstehen als ältere – in europäischen Ländern verhält es sich umgekehrt. In bisherigen Befragungen zur Einstellung gegenüber Reichen wurden diese meist als homogene Gruppe behandelt. Tatsächlich unterscheidet sich jedoch die Einstellung der Bevölkerung je nachdem, wie Reiche ihren Reichtum erworben haben. In den vier Ländern wurde gefragt: «Manchen Leuten gönnt man es ja, wenn sie reich sind, bei anderen findet man das unverdient. Welche Personengruppen von dieser Liste haben es Ihrer Meinung nach verdient, wenn sie reich sind?» In allen Ländern stehen Unternehmer und Selbständige an der Spitze, und man gönnt es auch Kreativen (Musikern, Künstlern), Spitzensportlern und Lottogewinnern, wenn sie zu Reichtum gelangen. Finanzinvestoren, denen Amerikaner und Briten es ebenfalls gönnen, kommen dagegen in Deutschland auf den vorletzten Platz des Rankings und liegen auch in Frankreich weit hinten. Können Reiche ihr Image wenigstens aufbessern, wenn sie für wohltätige Zwecke spenden? Reiche, die das glauben, werden zur Kenntnis nehmen müssen, dass ihnen in allen Ländern auch beim Spenden eher eigennützige als altruistische Motive unterstellt werden – also beispielsweise Steuern zu sparen oder ihren Ruf zu verbessern. In einer Hinsicht, auch dies zeigt die Befragung, verhält es sich bei Reichen so wie bei anderen Minderheiten auch: Der unbekannte, fremde Reiche ist den meisten Menschen eher suspekt – der Reiche, den man persönlich kennt, wird dagegen sehr viel positiver beurteilt und entspricht so gar nicht den verbreiteten Stereotypen.