Wenn die Erben First Class fliegen

NZZ – Eugen Stamm

Wie kann man den Nachkommen einen gesunden Umgang mit Luxus beibringen? Darüber sollten sich Vermögende Gedanken machen, wenn sie mehr als nur Geld weitergeben wollen.

Wie man seinen Nachkommen ein möglichst grosses und intaktes Vermögen weitergibt, darüber zerbrechen sich viele Bankberater den Kopf. Wie steht es aber mit der Frage nach dem Wozu? Ein Chef einer Firma, die Dutzende Milliarden Dollar verwaltet, hat in einem persönlichen Gespräch einmal offenbart, er habe sich noch nie darüber Gedanken gemacht, welche Werte im Umgang mit Geld er seinen Kindern vermitteln will. Es sei aber eine gute Frage, schob er verlegen nach.

Man kann sie auch umformulieren: Braucht die nächste Generation von der heutigen überhaupt eine Anleitung im Umgang mit Geld oder nicht? Vieles spricht dafür. Indem man seine eigenen Erfahrungen mit den Nachkommen teilt, festigt man den Familiensinn. Schliesslich hat jedes Vermögen, egal ob gross oder klein, eine bestimmte Herkunft und trägt in sich schon ein Erfolgsgeheimnis, ob das nun Fleiss, Talent, Sparsamkeit, ein erfolgreiches Geschäftsleben oder etwas anderes ist.

Sich selber zu fragen, welche Einstellung man selber von seinen Eltern übernommen hat und welche man gerne an seine Kinder weitergeben würde, hat für sich alleine schon eine gewisse Wirkung. Kann man die eigenen Werte benennen, ist es einfacher, über sie zu reden.

Dies wiederum kann hilfreich sein, wenn es um die Vorbereitung des Vermögenstransfers an die nächste Generation geht. Niemand wünscht sich, dass eines Tages zwischen den Erben Streit ausbricht, und trotzdem schreiben viele im einsamen Kämmerchen Vorgaben und Bestimmungen in ihr Testament, die genau dazu führen.

Vermögende Familien haben dies erkannt und verwenden auch in der Schweiz vermehrt das Instrument der Family Governance, um solches zu verhindern. Darunter versteht man einen Prozess unter sachkundiger Anleitung eines Beraters. Ziel ist, innerhalb der Familie einen Konsens herzustellen über Verwendung und Aufteilung des Vermögens und vor allem eben auch über die Werte, die allen Familienmitgliedern wichtig sind. Bedeutet Vermögen vor allem Sicherheit, oder sieht man es als Möglichkeit, in riskante Projekte zu investieren, weil man Verluste eher verkraftet? Was denken die anderen darüber? Wie geht man damit um, wenn die Eltern immer bescheiden gelebt haben, ein Nachkomme aber findet, man solle doch endlich einmal mehr das Leben geniessen, wenn man es doch vermag? Ein scherzhafter Us-erbrechtler hatte dem Vernehmen nach ein Plakat in seiner Kanzlei, auf dem stand: «Fliegen Sie First Class, denn Ihre Erben werden es tun.»

Zum Family-governance-prozess gehört auch, die Heranwachsenden rechtzeitig über die Vermögenslage zu informieren und ihnen, ab einem bestimmten Alter, auch ein Mitspracherecht einzuräumen, um ihr Interesse zu wecken.

Wie Beispiele aus dem Buch «Family Governance: Von Geld und Werten», das im Frühling 2019 im NZZ Libro Verlag erscheint, zeigen, unterscheidet sich das Leben von Vermögenden in der Schweiz manchmal deutlich vom Bild, das sich die Öffentlichkeit ausmalt.

Ein Unternehmer schildert, das Wichtigste, was sein Vater ihn gelehrt habe, sei ein fairer Umgang mit Angestellten und Geschäftspartnern; ein teures Auto oder teure Kleider würde er, der täglich im Betrieb präsent ist, sich nie kaufen.

Ein Ehepaar erklärt, dass ihnen soziales Engagement sehr wichtig sei. Sie haben einen zweistelligen Millionenbetrag für wohltätige Zwecke reserviert. Sie binden ihre erwachsenen Kinder und Enkelkinder in den Entscheidungsprozess, welche Projekte sie unterstützen wollen, vollwertig ein. In einem Familienleitbild haben sie festgehalten, für welche Werte sie einstehen.

Ein anderer Patron sagt, sein Vermögen erlaube ihm, den Verzicht auf materielle Dinge zu geniessen. Er wolle nicht dauernd neuen Sachen nachrennen; die Gewissheit, sie sich kaufen zu können, wenn er nur wollte, reiche ihm schon.

Aus Beispielen kann man zwar lernen, die eigene Einstellung muss sich aber jeder selber verdeutlichen.

Wie reiche Familien ihre Geldangelegenheiten steuern

Finanz und Wirtschaft – Thomas Hengartner

In Family Offices werden Besitz und Nachfolge geregelt, um Konflikte zu vermeiden. Privatmarktanlagen und Immobilien dominieren.

Industriellendynastien aus dem In- und Ausland sind mit eigenen Holdings in der schweizerischen Auflistung der Family Offices aufgeführt – die Jacobs und Schmidheinys wie auch Brenninkmeijers der C&A Modegruppe und die Schmuck-Swarovskis. Gut 70 Einträge sind es, wenn auch die Multi-Family-Offices mitgezählt werden. Sie versorgen jeweils mehrere Unternehmerfamilien mit Vermögens-, Rechts- und Steuerdiensten.

Die 331 reichen Familien aus allen Weltregionen, die in der diesjährigen Studie von UBS und Campden Wealth erfasst sind, verfügen im Schnitt über 808 Mio. $ Geldvermögen. Kumuliert kommen sie auf gut 250 Mrd. $. Sie sind der auffallende Teil des Universums der Superreichen. Deren Netzwerkorganisation Campden Wealth schätzt, dass global 5300 sehr wohlhabende Familien ihre Besitztümer in einem Family Office strukturiert haben.

Auf Generationen regeln

«Am Anfang steht in der Regel die Governance für die Familiengüter», sagt Jorge Frey vom zürcherischen Multi Family Office Marcuard auf Anfrage. Wichtig sei eine von allen Familienmitgliedern mitgetragene wertbasierte Struktur, auch mit Bezug auf die Verwaltung des Familienvermögens. «Wie, wann und auf welche Art es auf die nächste Generation übergeht, sollte dabei nicht vergessen gehen.»

Menschen und Geld gibt es in jeder anderen Familie auch, nur sind die Konstellationen und Lösungen bei den Unternehmerfamilien oft viel komplexer. Basis ist das Familienunternehmen oder allenfalls dessen Verkaufserlös. Dazu kommen selbst genutzte wie auch vermietete Immobilien in verschiedenen Ländern und substanzielle Geldvermögen.

Gemäss der Family-Office-Studie von UBS und Campden Wealth dominieren in den Familienvermögen Anlageklassen ohne regelmässige Handelbarkeit: Private Equity (durchschnittlich ein Fünftel des Totals), Immobilien (ein weiteres Fünftel), HedgeFunds (5%-Anteil) sowie Rohstoffe und weitere Realwertanlagen (3%-Anteil). Auf kotierte Instrumente am Aktien- und Zinsmarkt entfallen lediglich 28 bzw. 16% der Familienvermögen. Dieser Vermögensmix erbrachte 2017 eine Performance von 15,5%. In den Vorjahren wurden Durchschnittsresultate zwischen 0,3 und 8,5% registriert. Mit einer Family-Office-Struktur haben alle Direktbeteiligten denselben Wissensstand. «So kann die Familie besser mit internen Konflikten umgehen und im Erbfall eher ein Fait accompli vermeiden, der die Familienmitglieder auseinandertreiben könnte», resümiert Jorge Frey von Marcuard Family Office. Priorität hat, den Reichtum zu bewahren. Nicht selten liessen sich unterschiedliche Haltungen und Interessen nur mehr schwer überbrücken, erläutert ein Manager eines anderen Multi-Family-Office. Wie können Geschwister beteiligt und motiviert werden, wenn nur eines der Kinder am Familienunternehmen interessiert ist? Wie kann das Geldvermögen der Familie parzelliert werden, wenn die ältere Generation in Kunst, die jüngere aber inVenture Capital investieren möchte und beide nichts vom jeweils anderen halten?

Indexanlagen nicht ohne

Daniel S. Aegerter bündelt seit dem Verkauf einer selbst aufgebauten Internetfirma den Erlös als neu entstandenes Familienvermögen in der Armada Investment. Er beschreibt, wie in begüterten Unternehmerfamilien oft zur Debatte steht, ob «die Familie für die Firma oder die Firma für die Familie» da sein solle. Dank des Erfolgs als Entrepreneur hängt sein Herz an unternehmerischen Investments in Form von Start- und Venturefinanzierungen. Solches privates Kapital bzw. Private Equity ergänzt Aegerter mit Anlagen an den Aktienbörsen: «Wir haben oft richtig gewählt und profitabel investiert, sind aber in einigen Fällen rückblickend zu früh ausgestiegen.» Er bringt gar Argumente vor für die vergleichsweise banale indexorientierte Aktienanlage: «Hätten wir das von Beginn weg gemacht, wären wir im Höhenflug der Amazon-Aktien dabeigewesen, gegen die wir uns als Einzelanlage wegen der hohen Bewertung stets sträubten.» Begüterte Familien suchten nach dem Berater und Mittler, der «ohne eigene Anlageprodukte ins Spiel zu bringen bedingungslos auf der Seite des Kunden steht», sagt Albert Konrad vom Family-Office-Dienstleister Kehrli & Zehnder . Die betuchte Klientel verlangt nach vorteilhaften Investments. In der aktuellen Marktsituation könnten Hedge Funds mit aktiv gehandelten Long/Short-Positionen die passende Wahl sein, meint er.

Den Extranutzen finden

Anstelle üblicher Zinsanlagen in Obligationenform propagiert Konrad direkte Darlehen über den Privatmarkt, bspw. mit diversifizierten Leasing- oder Factoringportfolios. «Solche Geldanlagen sind nicht täglich liquid handelbar, aber dafür korrelieren ihre Preise wenig mit den hauptsächlichen Zins- und Aktienmärkten.» Dem Ziel, in beinahe jedem Marktumfeld eine positive Rendite in Aussicht zu stellen, würden auch strukturierte Aktienprodukte dienen. «Weil Standardprodukte oft sehr hohe Kosten enthalten, bauen wir zusammen mit einem Dienstleister selbst passende Konstrukte», beschreibt der Family-Office-Teilhaber. Da Informationen heute für alle überall und sofort verfügbar sind, müssen Family-Office-Dienstleister ihrer Kundschaft den Durchblick verschaffen und das grosse Ganze unter Kontrolle halten. Oft sind es Ex-Banker, die für sich die überschaubare Spezialistenstruktur gegenüber der Grossorganisation vorziehen. Als Berater bewähren sie sich, wenn sie das Kundenvertrauen geniessen und doch die gebotene Distanz halten.

Im Überfluss

Zeitmagazin – Alard von Kittlitz

Der russische Multimillionär Vitaly Malkin kann sich kaufen, was immer er will – und macht das auch. Er will der Welt aber einmal mehr hinterlassen als nur Geld. Ein seltener Einblick in das Leben eines Superreichen. Von Alard von Kittlitz

Einmal, gegen Ende unserer gemeinsamen Reise schon, in Monaco, will Vitaly Malkin mir in seiner Wohnung plötzlich die sogenannte Icaros-Maschine vorführen. Es handelt sich um ein massives, weiß lackiertes Fitness-Gerät, Malkins Diener muss das Ding im Heimkino aufbauen, der Herr demonstriert dann selbst, wie es funktioniert. Er balanciert bäuchlings auf dieser Maschine, einer Art wackeligen Plattform auf einem Gestell, und setzt sich eine 3-D-Brille auf die Augen. Es beginnt vor seinen Augen dann offenbar eine Simulation, Malkin steuert darin ein Fluggerät, indem er auf der Plattform vorsichtig sein Gewicht verlagert. Neigt er sich nach links, macht der Flieger eine Linkskurve, neigt er sich nach hinten, steigt er auf, und so weiter.

Die Sache scheint mordsanstrengend zu sein. Schon nach wenigen Sekunden auf seiner grotesken Maschine ächzt und flucht Malkin zwischen zusammengebissenen Zähnen auf Russisch. Schweißperlen bilden sich auf seiner Stirn, bald zittert der ganze Körper. Er keucht. Neben ihm steht sein Diener und betrachtet die Szene mit unverhohlener Bewunderung.

So ist das also. Da stehe ich in dieser immensen, vergoldeten Glitzer-Wohnung, hoch über den Dächern von Monaco und mit Blick auf das blaue Mittelmeer. Vor mir knechtet sich der Protagonist meiner Geschichte auf einer 9.000 Euro teuren, seltsamen Foltermaschine, ohne dass ich genau verstehe, warum, aber wahrscheinlich, um mir ein Vergnügen zu bereiten.

Vitaly Malkin, 66 Jahre alt, ist ein sehr, sehr reicher Herr aus Russland. Ganz früher einmal war er Physiker, dann brach die Sowjetunion zusammen, da wurde er Bankier und verdiente in wenigen Jahren Hunderte von Dollarmillionen. Später, 2004, ernannte man Malkin zum Senator der Republik Burjatien, fast zehn Jahre blieb er das, bevor er 2013 Privatmann und endlich, vor Kurzem, Buchautor wurde. Malkins erstes Buch heißt Gefährliche Illusionen, ist gleichzeitig in fünf Sprachen erschienen und eine Kampfschrift gegen Religion. Der Autor wünscht sich, dass über das Buch gesprochen und berichtet wird, deshalb erklärt er sich dazu bereit, dass ich ihn für ein paar Tage in seiner Welt besuchen darf – in einem Leben und einem sozialen Umfeld, das normalerweise hinter hohen Zäunen, jenseits der Vorstellung der weniger betuchten Menschheit stattfindet. Unterwegs mit und nah dran also an einem philosophierenden russischen Superreichen in Moskau und Monaco, schauen, wie so ein Mensch lebt und tickt, Einblick in einen anderen Kosmos, das ist die Abmachung.

Landung am frühen Abend am Moskauer Flughafen Scheremetjewo. In der belanglosen Ankunftshalle kurzes Warten auf Robert Eberhardt, Malkins deutschen Verleger, der ein bisschen später landet und auf der gesamten Reise dabei sein wird. Eberhardt, ein Thüringer, erscheint mit Hornbrille, Blazer und heller Hose, ordentlich, adrett, ein sehr ehrgeiziger, noch ganz junger Mann, keine 30. Sein Wolff-Verlag publiziert eher Kulturgeschichtliches für Liebhaber. Malkin ist ein Ausnahmeautor, für die Veröffentlichung seines Buches hat der Verleger Geld vom Autor bekommen, nicht umgekehrt.

Wir werden abgeholt, da steht ein breitschultriger, kurz geschorener Kerl mit wenig Mimik, Typ Ex-Militär, und hält ein Schild in der Hand: „Robert Ederhardt“. Unser Fahrer. Auf dem 60-sekündigen Weg zwischen Flughalle und Parkhaus schafft er es, eine ganze Zigarette runterzurauchen.

In einem schwarzen Ford geht es nun zum Landhaus von Herrn Malkin. Die Fahrt durch das Peripherie-Moskau dauert ewig, vier- bis fünfspurig schleppt sich der Verkehr über die Autobahn. Der Himmel ist groß und grau, draußen ziehen riesige Hochhaussiedlungen vorbei und fantastisch glitzernde Malls, dazwischen bemerkenswert viele Autohäuser.

Irgendwann doch die Ausfahrt, plötzlich sind wir in der Natur, der Fahrer drückt aufs Gas, wir rauschen durch hübsche Birkenwälder und über neblige Wiesen, auf denen riesige, gespenstisch weiße Blumen wachsen. Endlich vor uns eine Schranke mit Wärterhäuschen, ein schläfriger Typ in Flecktarn lässt uns durch, wir fahren nun durch eine gepflegte Parkwelt mit grünem Rasen, schwarzem Asphalt und Häuserdächern hinter gestutzten Hecken. Es handelt sich um eine Gated Community, in der, wie wir später erfahren, hauptsächlich sehr hohe Beamte und verdientes Personal der Ära Jelzin leben.

Wir gelangen an ein Tor, getragen von zwei Obelisken aus Basalt, das Tor öffnet sich, vor uns, auf einem sanft sich aufschwingenden Hügel liegend, ein großes Herrenhaus des 19. Jahrhunderts mit Blick über Teich und Wälder. Am Eingangsportal wartet zwischen ein paar Dienern bereits der Hausherr, Vitaly Malkin. Ein eher kleiner Mann, Halbglatze, in Poloshirt und Khakis, sein Englisch mit schwerem russischem Akzent. Handschlag, er mustert mich kurz, dann, gleich als Erstes, kleine Führung über die Latifundie. Malkin redet, wir folgen, er weist auf eine Messingplakette hin, auf der zu lesen steht, dass Lenin dieses Haus besuchte und seine Witwe darin lebte. Es geht außen über eine sehr große, schöne Veranda in ein neu gebautes Pool-Haus, der Pool still und unbewegt. Malkin ist, erfahren wir, bloß Mieter hier, sein Eigenheim nebenan wird derzeit renoviert. Gerne, sagt Malkin, hätte er uns dort die Tennishalle gezeigt, 16 Meter hoch sei die Decke, eine Anlage, in der Profimatches gespielt werden könnten. Er selbst spiele allerdings kein Tennis.

Das Mietshaus sieht von innen so aus wie alle Häuser, die ich von Malkin noch sehen werde, glitzernd, glänzend, spiegelnd, poliert; golden, silbern, marmorn, pastellig; ausladend, barock. Es liegt Spielzeug für Erwachsene herum, ein Segway, eine Drohne, zu sehen ist auch ein aus Monaco mit angereistes, teures Tier, eine haarlose Pharaonenkatze. Malkin zeigt uns das Untergeschoss, ab und an begegnet man einer Dienstkraft, ansonsten wirkt das Haus leblos. Vor der geschwungenen Treppe ins Obergeschoss allerdings stapeln sich kleine und große Sportschuhe, Nike, Gucci und Balenciaga, hier machen wir halt. Das obere Stockwerk ist das Reich der jungen Freundin von Malkin und der drei gemeinsamen Kinder im Alter von eins, zwei und fünf. Dieser Teil wird nicht gezeigt.

Es gibt Abendessen. Im Speisezimmer setzt sich Malkin an den Kopf des riesigen Esstisches, die Köchin fährt auf, dem Verleger und mir wird ein Dinner gereicht von kaltem, eingelegtem Aal in verschiedenen Ausführungen, dazu Salat, Schwarzbrot, Obst, eine Käseplatte, dies sind die Vorspeisen. Malkin selbst rührt wenig an, rät aber eifrig zum Kosten von diesem und jenem. Es folgen Fasan, Apfelstrudel, Kaffee und Konfekt. Zu trinken gibt es Wasser und einen schweren Saint-Émilion.

Vorsichtige erste Unterhaltung über Moskau, Vergangenheit und Gegenwart, Malkin redet allein, wie ein Senator, gewohnt, dass die Leute zuhören. Die Stadt, erklärt er, sei in den Neunzigerjahren, als er ein großer Mann wurde und der Systemwandel stattfand, viel wilder gewesen, um drei Uhr morgens habe man eine Harley-Davidson kaufen können, wenn einem der Sinn danach gestanden habe, und ein paar der besten Restaurants hätten 24 Stunden am Tag aufgehabt, sieben Tage die Woche, Foie Gras und Schampus zum Katerfrühstück. Er selbst habe leider nicht viel mitgekriegt von dem Exzess und der Feierei, er habe ja immer nur geschuftet, nach der Arbeit habe er bei den Partys mal zehn Minuten hereingeschaut in Anzug und Schlips, dann, sagt er, sei er immer nach Hause, ins Bett.

Wir wohnen in Malkins eigenem Haus, in dem, das nebenan liegt und gerade renoviert wird, es sind eigentlich mehrere Häuser, seltsame, glatte Kästen wie aus Lego, durch ein Netzwerk unterirdischer Tunnel verbunden, damit man im Winter nicht immer die Jacke anziehen muss auf dem Weg von A nach B. Im Trakt, in dem wir wohnen, finden gerade keine Bauarbeiten statt. Zwei Haushälterinnen in schwarzem Kleid und weißer Schürze führen uns durch polierte Flure auf unsere Zimmer, frisch geschnittenes Obst steht auf den Tischen, staubige Bildbände in den Regalen, scheußliche, billige Kunst hängt an den Wänden. Das Haus ist riesig und tot.

Wir werden zum Frühstück abgeholt in einem anderen Auto, einem Lexus-SUV, und zu Malkin gefahren. An der Tür begegnen wir Nastya, Malkins Assistentin, mit der er an dem Buch gearbeitet hat. Nastya ist keine 30, verheiratet mit einem Spitzenkoch, hat in Paris Philosophie studiert an einer Grande École. Sie bringt uns ins Pool-Haus, Malkin zieht dort gerade seine Bahnen, wir dürfen zuschauen, bevor er dampfend dem Becken entsteigt, die Schwimmbrille ablegt, Handschlag, dann verschwindet er im Bademantel, um wenig später in einem grellweißen Lacoste-Trainingsanzug wieder am Frühstückstisch zu erscheinen. Es gibt Blinis, Porridge, Brot, Pfannkuchen, Obst, Kompott, Aufschnitt.

Am Tisch sitzen außer Eberhardt, Nastya und mir heute noch zwei weitere junge Frauen. Eine, die in diesem Artikel nicht namentlich erwähnt werden mag, sie ist aber genau wie Nastya eine in Paris studierende russische Spitzenakademikerin und ebenfalls angestellt als Assistentin für Malkins Schreibarbeit. Außerdem zugegen: die russische Verlegerin aus St. Petersburg. Man will die bevorstehende Veröffentlichung der russischen Ausgabe von Gefährliche Illusionen besprechen. Malkin will mit den Frauen die bisherigen Rezensionen in Zeitungen und Internet diskutieren und verstehen, was am Buch noch verbesserungswürdig ist, bevor er es in seiner Heimat in die Läden bringt.

So macht er das, an Büchern arbeiten. Das geht generalstabsmäßig, er hat eine Idee, delegiert Recherchearbeiten, lässt sich zu Fragen, die ihn beschäftigen, Lektürelisten zusammenstellen, diskutiert seine Gedanken und Ergebnisse mit den klugen Sparringspartnerinnen, schreibt auf, diskutiert abermals. Er arbeite grundsätzlich lieber mit Frauen, sagt Malkin, die seien schlauer, direkter als Männer, stärker auch. In Malkins Reden über Frauen schwingt stets ein Hauch von Gönnerhaftigkeit mit, er hat, scheint mir, kein sehr zeitgenössisches Frauenbild, beziehungsweise er glaubt halt, dass Männer so und Frauen so seien, dass die Natur da viel schwerer wiege als die Kultur. Er findet, es werde gegenwärtig zu viel rumdiskutiert über Geschlecht, Herkunft, Hautfarbe und so weiter, früher, als weniger Aufhebens gemacht wurde, sei manches besser gewesen. Vielleicht wenig überraschende Ansichten eines älteren, reichen Mannes.

Wie reich ist er eigentlich? Gute Frage, sagt Malkin. Das, was auf Wikipedia stehe, geteilt durch zwei. Das würde bedeuten: rund 425 Millionen Dollar. Allerdings, sagt Malkin, sei das nicht so leicht zu quantifizieren. Was ist sein Immobilienbesitz zum Beispiel wert, seine Privatwohnungen in New York, Paris, Moskau, Tel Aviv, Wien? Wie viel das Chalet in Courchevel? Ein andermal sagt er, mehr als 20 Millionen Dollar im Jahr brauche kein Mensch, einmal im Jahr habe man Geburtstag, da lade man Sting oder Madonna für die Musik ein, sonst seien da doch keine großen Ausgaben.

1952 wurde Malkin in eine jüdische Familie geboren, aus der Ukraine stammend, aufgewachsen ist er östlich des Urals. Er ist Einzelkind. Der Vater, Ingenieur, ist überzeugter Kommunist. Vitaly fängt schon als Kind an, das System zu hinterfragen, später, als Student, hasst er es offen, verachtet die Sowjetunion, verehrt Amerika, Neil Armstrong statt Juri Gagarin, auch eher Martin Luther King als Alexander Solschenizyn. Die Unfreiheit des Denkens, die Verlogenheit der Propaganda in der Sowjetunion, all das findet er unerträglich. Als Junge liest er wie verrückt, seine Mutter hat eine umfassende Bibliothek der europäischen Literatur, die arbeitet er durch.

Wo diese Bibliothek eigentlich sei, fragt Malkin sich dann auf einmal laut. Später werde ich denken, dass Malkin irgendwie eigentlich nichts besitzt. Alles um ihn herum gehört und gehorcht ihm zwar, aber nichts hat etwas Persönliches, Bewohntes, Gelebtes, nichts scheint alt, geliebt, geschätzt, er wirkt wie ein steter Gast in seinem eigenen Leben.

Als Jugendlicher hört Malkin auf zu lesen und widmet sich den Zahlen, er kommt auf eine Begabtenschule für Mathematik und Physik, studiert, promoviert über die Dichte von Laserstrahlen, wird Dozent und Forscher. Wenn man Malkin fragt, was er vermisst aus dieser Zeit, dann sagt er: Nichts, und dann fällt ihm ein: Doch, wir hatten ja nichts außer Reden, Trinken und Vögeln, das war schön, man war die ganze Zeit im Gespräch und schnell im Bett miteinander, alles war einfacher.

1991 löst sich die Sowjetunion auf, aus dem einfachen Bürger Vitaly Malkin wird in wenigen Jahren der Bankier: 12.000 Angestellte, Privatjets, Assistenten, Meetings, Macht.

Er will über diesen Aufstieg nicht so viel erzählen. Nichts sei bemerkenswert gewesen, sagt er, das Spielfeld habe weit und offen vor ihm gelegen, ohne große Konkurrenz, ohne große Regularien. Er habe damals nicht reflektiert, was da so schnell aus ihm wurde, er habe einfach gearbeitet. Geld verdiente er zunächst mit dem Import von Computerteilen und Tastentelefonen, alle, behauptet Malkin, hätten das damals gemacht, was natürlich nicht stimmt. Er habe einen tollen Partner gehabt, sagt Malkin, der Mann hieß Bidsina Iwanischwili, später wurde der Premierminister von Georgien. Mit Iwanischwili gründete Malkin auch Rossiysky Kredit. Diese Bank ist inzwischen pleite und nicht so gut beleumundet, aber Malkin und Iwanischwili wurden reich mit ihr. Malkin sagt, vor allem durch eine Privatisierung in der Eisenerz-Industrie.

Es war, so viel sagt Malkin immerhin, der Wilde Westen. Es gab viele Prozesse gegen Malkin, er hat sie alle gewonnen, stets seine Unschuld beweisen können. Wenn man ihn nach den alten Zeiten fragt, erklärt er sie kurz und ungeduldig, als seien die Fragen naiv. 2004 steigt Malkin aus dem Bankgeschäft aus und wird Senator von Burjatien, einer Republik der Russischen Föderation tief im Südosten des Landes, an der Grenze zur Mongolei. Er wisse nicht mehr genau, warum, sagt er, Langeweile vielleicht oder genug Geld auf dem Konto. Als Senator ist er nicht oft in Burjatien, wird aber zweimal wiedergewählt. Er sei stolz auf das, was er dort geleistet habe, sagt Malkin, viele Milliarden habe er nach Burjatien geholt, Straßen, Theater, Stadien gebaut dort, am Rand des Reiches. Das Leben als Politiker sei spannend gewesen. Als 2013 ein Gesetz beschlossen wird, nach dem alle Senatoren ihren gesamten Auslandsbesitz offenlegen und im Zweifelsfalle verkaufen müssen, tritt Malkin wie viele Kollegen von seinem Amt zurück. Er ist seither Privatmann.

Wann wir denn über sein Buch reden würden, will Malkin nun wissen. Er wirkt ein bisschen genervt. Eberhardt und ich werden fortgeschickt, Malkin will arbeiten. Der Verleger und ich sollen so lange eine Rudertour auf einem kleinen Fluss in der Nähe machen. Wir werden nicht gefragt, ob wir das wollen. Noch mal ein neuer Chauffeur fährt uns zu einer Landestelle, davor ein gepflegtes Fußballfeld, die Kinder der Nachbarschaft kicken in Russlandtrikots, die Nannies stehen drum herum, schieben Kinderwagen, schauen in ihre Handys. Eberhardt und ich rudern, es ist schwül, wir sehen die Birkenwälder, magere Jungs, die von Stegen ins Wasser springen, die Ufer gehen steil nach oben, man hat uns hergefahren, abgesetzt, losgebunden, eigentlich wissen wir überhaupt nicht, wo wir sind, irgendwo bei Moskau ja wohl.

Zum Lunch, Bœuf Stroganoff, dürfen wir zurück. Kurz erleben wir am Tisch Malkins Freundin. Sie sieht aus wie eine Elfe, zart, porzellanen, alterslos, sie ist die Mutter von den drei kleinen Kindern und isst vorsichtig und langsam Salat und ein wenig Fleisch. Sie spricht während des Mittagessens kaum ein Wort mit Malkin, wirft ihm höchstens spöttische Blicke zu. 15 Minuten am Tag, sagt Malkin, verbringe er mit ihr in der Regel, am Abend, wenn der Tag bewältigt sei, stimmt’s, fragt er sie, aber die Freundin ist gerade auf Instagram unterwegs und antwortet nicht. Von seiner Frau, mit der er drei erwachsene Söhne hat, lässt Malkin sich gerade scheiden.

Reden wir nun also, hier am Tisch und dann auf der Fahrt in die Stadt rein, Malkin hat dort einen Arzttermin, über sein Buch. Es finden sich darin keine sonderlich bemerkenswerten Gedanken. Malkin listet all die Gründe gegen Religion auf, die vor ihm schon anderen eingefallen und von anderen aufgeschrieben worden sind. Interessant ist am ehesten noch das letzte Kapitel, Malkin schreibt darin über Masturbation, dieses schlichte, stets verfügbare Gratis-Vergnügen des menschlichen Körpers, und erzählt dann, wie aus der unschuldigen Sache eine Sünde, etwas Schlechtes, Verbotenes, etwas Schambehaftetes wurde. Religion ist für ihn etwas, das den Menschen deformiert, verstümmelt, entstellt, und es ist Malkins Wunsch, dass der Mensch sich selbst doch bitte schön liebevoller, einsichtsvoller und nachsichtiger behandeln sollte, als manches Dogma es ihm nahelegt. Er wünscht sich den Menschen frei von Schuldgefühlen, das Leben soll genossen werden.

Gefährliche Illusionen ist dabei nur das erste Buch von vielen, die Malkin noch schreiben will. Eins über das Geschlechterverhältnis soll noch kommen, eines über Monogamie, das nächste, an dem arbeitet er bereits, beschäftigt sich mit der Beschneidung von Männern und von Frauen. Wir sitzen beim Abendessen, als Malkin zum ersten Mal über dieses, sein Herzensthema berichtet. Das Dinner findet, anders als ursprünglich geplant, nicht in einem schicken Gourmet-Restaurant statt, sondern in einem Yuppie-Restaurant im Herzen von Moskau. Malkin war beim Arzt, danach hat er beschlossen, dass er keine Lust darauf hat, stundenlang an einem Tisch zu sitzen und auf den siebten Gang zu warten. Er mag fine dining nicht besonders, er empfindet das als Zeitverschwendung. Also geht es in einen pseudoorientalischen Grill, Malkin bestellt sich Lamm und trinkt Rioja.

Malkins Beschäftigung mit Beschneidung begann auf einer Ägyptenreise 2009, als ihm sein Reiseführer erklärte, dass viele der auf Malkin so modern wirkenden Frauen in Ägypten beschnitten seien. Malkin, der, ich glaube, man darf das sagen, vielleicht auch einfach ein besonders zärtliches Verhältnis zu diesem Teil der weiblichen Anatomie hat, war schockiert. Er wusste zuvor nicht, dass es diese Praxis überhaupt gibt, oder zumindest nicht, dass sie so weit verbreitet ist. 2014 gründete er seine Fondation Espoir, eine Stiftung, die gegen die Verstümmelung von Frauen in Äthiopien kämpft.

Malkin zeigt mir auf seinem iPad Fotos vom Resultat einer Prozedur, die sich „Infibulation“ nennt und der in dem Teil Äthiopiens, in dem seine Stiftung arbeitet, praktisch jedes Mädchen unterzogen wird. Die Bilder sind unerträglich, die ganze Prozedur ist eigentlich unvorstellbar, es ist eine entsetzliche Zerstörung des weiblichen Geschlechtsorgans. Vielleicht ist Beschneidung die Kulturtechnik, in der am eindrücklichsten wird, wie religiöse Überzeugungen den Menschen deformieren können, aus Frauen Krüppel, aus Männern Monster machen. Unterdessen, da bleibt Malkin dann doch auch sehr er selbst, hält er die Beschneidung von Männern für kaum weniger schlimm als die von Frauen. Er will eine medizinische Studie in Auftrag geben, in der untersucht werden soll, ob Männer ohne Vorhaut weniger lustempfänglich sind als Männer mit Vorhaut.

Fünf Millionen Euro hat Malkin bereits in die Stiftung gesteckt, es soll noch mehr Geld werden, er will Mitstreiter werben demnächst. Wenn er über dieses Thema spricht, kocht eine leise Wut in ihm, dann kommt ein leises Zittern in seine Stimme. Er verachtet diese Sache. Er hasst sie.

Es ist dies unterdessen kein Thema, bei dem sich gut essen lässt, es wird also eher getrunken und dann irgendwann ein bisschen erschüttert geschwiegen, bevor ich Malkin wieder ein paar Fragen zum Thema Reichtum stelle: Was ist Luxus? Keine Ahnung, sagt Malkin, und dann: Vielleicht, wenn man dafür bezahlen kann, dass das eigene Buch in fünf Sprachen gleichzeitig erscheint. Macht Geld glücklich? Eher nein, sagt Malkin. Die meisten reichen Menschen, die er kenne, seien schrecklich angespannt, schrecklich nervös, furchtbar gestresst, dächten die ganze Zeit nur über Geld nach. Malkin wirkt auf einmal sehr weich, ein bisschen angeschlagen fast. Sind Sie einsam, Herr Malkin? „Ja“, sagt Malkin, „schon. Manchmal fühle ich mich sehr einsam.“ Gibt es denn niemanden, der schon immer da war, alte Freunde, Leute, die den echten Vitaly kennen? „Sehr viele der alten Freunde haben irgendwann um Geld gebeten“, sagt Malkin. „Manchen habe ich welches gegeben. Das ist eine traurige Geschichte. Ich habe eigentlich“, sagt er dann, „niemanden, mit dem ich wirklich richtig reden kann. Ich fühle mich manchmal depressiv.“

„Du, depressiv?“, sagt Nastya, die diesen Teil des Gesprächs überhört hat. „Niemals!“ – „Aber ich fühle mich manchmal depressiv.“ – „Du bist nicht depressiv, du bist höchstens traurig!“ – „Wirklich?“ – „Na klar, depressiv heißt, dass du überhaupt nichts mehr willst!“ – „Ah“, macht Malkin. „Dann also prost.“

Am nächsten Morgen stehen wir sehr früh auf und fahren alle zum Flughafen. Die Reise geht nach Monaco, Malkins Lebensmittelpunkt seit etwa vier Jahren, seine Freundin, sagt Malkin, habe dort leben wollen. Im Auto liest er lustlos Zeitungen, telefoniert. Er hat keine entgangenen Anrufe auf dem Telefon, aber über hundert Nachrichten in einer WhatsApp-Gruppe von Geschäftsleuten, die sich blöde Videos und Witze und Bilder von nackten Frauen schicken. Er telefoniert mit einer Assistentin in Luxemburg und überlegt, wo er nach Monaco hinsoll. Wandern in Andorra, in den Dolomiten vielleicht? Er hat nichts vor, er ist frei, er kann es sich leisten, er gehört nirgends hin.

Wir fliegen Holzklasse. Seine Privatflugzeuge hat Malkin alle verkauft, als der Markt für diese Art von Besitz vor einer Weile zusammenbrach, so ein Flieger sei auch wirklich nicht mehr nötig, sagt Malkin, wobei die kleinen Jets viele Vorteile hätten, sie flögen zum Beispiel so niedrig, dass man keine Thrombose zu befürchten habe, und der Blick aus dem Fenster sei besser. Malkin ist, das sagen auch seine Angestellten, keiner, der sein Geld verprasst oder gleichgültig wäre seinem Vermögen gegenüber.

Malkin behauptet, er fliege oft Economy, allerdings müssen seine Diener für ihn die Koffer abgeben, da bleibt er in seinem Mercedes-SUV sitzen, solange die in der Schlange stehen, und später behauptet Malkin, dass die Plätze doch irgendwie enger seien als sonst, was Quatsch ist. Tatsächlich gibt es im Flieger einfach keine Business- oder First-Class-Plätze.

In der Hitze von Nizza wartet ein gekühlter Maybach mit weißen Ledersitzen, surrendem Verdeck, kalten Wasserflaschen, Malkins Privatfahrzeug. Viel besser als ein Rolls, sagt er, und viel günstiger. Wir gleiten über die Autoroute nach Monaco. Überall verrückte Karren, Ferraris im Schritttempo. Malkin hat hier eine 600 Quadratmeter große Wohnung gemietet, niemand kauft in Monaco, sagt er. Sein Wohnturm hat ein eigenes Spa und eine große Tiefgarage, in der Malkins Fuhrpark steht, der Maybach, ein Ferrari, den nur seine älteren Söhne fahren, Malkin selbst fährt in Monaco am liebsten seinen Renault Twizy, ein kleines Einsitzer-Elektroauto.

Die Wohnung ist voller metallener Säulen und versteckter Leuchten und spiegelnder Oberflächen. Es liegen ein paar ausgestopfte Krokodile herum, ein nackter Frauentorso aus Glas ziert einen Tisch, es gibt weite, offenbar ungenutzte Sitzlandschaften, einen Flügel, eine Fotowand mit professionell aufgenommenen Familienporträts. Malkin führt sein Gym vor, die drei riesigen, mit Spielzeug vollgestopften Kinderzimmer mit Blick über Monaco und jeweils eigenem Wannenbad, die winzigen Kammern der Nannies, das Heimkino, das Esszimmer, in dem die Familie die meiste Zeit verbringt und in dem es, ausnahmsweise einmal, menschlich, unaufgeräumt, lebendig aussieht. Malkin findet vieles an der Wohnung Quatsch und manches schade. Wir nutzen nie diesen tollen Balkon, sagt er, wir sitzen nie in dem Wohnzimmer, das ist alles nur Unsinn. Dann klatscht er auf einmal in die Hände, ihm fällt etwas ein, und er lässt, bessere Laune nun, die Icaros-Maschine aufbauen.

Mittags hat Malkin eine Signierstunde im Fnac, einem gesichtslosen Medien-Shop in einer Shoppingmall, der neben den neuesten Playstation-Spielen auch ein paar Bücher führt. Da ist ein Pult aufgebaut mit Malkins Buch, die französische Ausgabe hat eine kleine Binde mit einem lobenden Zitat darauf von dem französischen Intellektuellen Frédéric Beigbeder. Malkin und Beigbeder sind miteinander gut bekannt, angeblich ist Malkin sogar das reale Vorbild für eine Figur in Beigbeders Roman Au secours pardon.

Im Fnac ist es bedrückend, Malkin steht neben dem Signierpult, es erscheinen vielleicht vier, fünf Leute, die eine Unterschrift wünschen. Das übrige Publikum sind fünf puppenhafte Frauen, Freundinnen seiner Freundin. Malkin schwitzt und sucht die Nähe seiner Entourage, erzählt den Frauen einen albernen Witz. Sein Diener blättert in Kinderbüchern.

Nachmittags rennen wir durch den Kaktusgarten von Monaco, den Malkin unbedingt zeigen wollte, er wirkt wie getrieben. Was für tolle Kakteen, diese hier zum Beispiel oder diese, sagt Malkin, ohne stehen zu bleiben. Irgendwas stimmt nicht. Wir fahren weiter nach Èze, einem mittelalterlichen Dorf an der Côte d’Azur, Malkin bleibt am längsten auf dem Friedhof.

Dass etwas von ihm bleibe, hat er mir in Moskau noch gesagt, das wünsche er sich. Nicht sein Name, der sei gleichgültig, und tatsächlich wollte er seine Bücher anfangs anonym veröffentlichen, aber alle Verleger meinten, wenn wir sagen, wer du bist, wird es mehr Leute interessieren. Bestimmt richtig. Aber ein Erbe hinterlassen jenseits des Geldes, das wünscht sich Malkin. Mit seiner Stiftung, mit seinen Gedanken. Ein bisschen die Welt besser machen, jetzt, wo die großen Rennen gelaufen sind, vielleicht noch auf eine ganz andere Art etwas bewegen?

Abends lädt Vitaly Malkin den Verleger, Nastya, eine weitere Assistentin und mich in ein neues Ceviche-Restaurant an der Bucht von Monaco ein. Der Laden ist riesig, loungig, clubbig, die Männer tragen alle Jackett, die Frauen alle Cocktailkleider, die Frauen sehen auch alle ganz unglaublich aus, wie Menschen, die den Tag bloß in Gym, Boutique und Salon verbringen. Ich sehe Angela Ermakowa, Boris Beckers Besenkammerbekanntschaft, sowie deren gemeinsame Tochter durch den Laden laufen, an solchen Orten trifft man solche Leute. Als es ein Feuerwerk über dem Hafen gibt, filmen alle mit ihren Handys, Wahnsinn, Feuerwerk.

Malkin sitzt und trinkt Rotwein, genießt das Ceviche, redet über seine Projekte, redet über Frauen, über Trieb, Beischlaf, Liebe. Liebe sei das Größte. Dann komme Macht. Dann komme Denken. Das seien die besten Dinge. Aber die Liebe bleibe nicht, sagt er. Und Macht, denke ich, hat er kaum noch. Ich weiß nicht, wie bewusst ihm in solchen Momenten wird, dass er da im Grunde über das Verschwinden der schönsten Dinge aus seinem Leben spricht. Er wirkt in diesem Moment jedenfalls nicht bedrückt deswegen.

Nach dem Dinner treten wir vor die Türe und werden Zeugen einer grandiosen Performance. Gleich neben dem Restaurant liegt das Jimmy’z, Monte Carlos größter, wichtigster Club. Es ist etwa 23 Uhr, Samstagabend, und man fährt vor. Da steht eine lange Schlange von Lamborghinis, Porsches, Rolls-Royce, Ferraris, und immer steigt auf der Fahrerseite ein Mann beliebigen Alters aus und auf der Beifahrerseite eine sehr junge Frau oder manchmal auch zwei oder drei Frauen, und die Frauen sind wirklich sehr zurechtgemacht, und keine ist dick. Es ist hypnotisch. Malkin möchte nun, dass wir ins Jimmy’z gehen. Er geht zum Türsteher, redet ein paar Sekunden mit ihm, und dann werden wir, hässlich, arm, underdressed, gnädig reingewinkt.

Was willst du trinken, fragt mich Malkin, der nun wieder sehr aufgeräumt, fröhlich wirkt. Bier?, frage ich, weil ich Lust habe auf ein Bier. Malkin schüttelt unwillig den Kopf. Komm schon, Mann, lass uns ein bisschen Geld ausgeben, sagt er. Wir bestellen Champagner.

Vitaly Malkin steht im Jimmy’z, ein Glas Champagner in der Hand, umgeben von schönen jungen Frauen, die Musik ist laut, die Nacht ist lau. Kennst du, fragt er über den Lärm des Geredes und der Bässe hinweg, die Geschichte von Eulenspiegels Beutelchen? Als Eulenspiegel ein Kind war, wurde vor ihm sein Vater auf dem Scheiterhaufen verbrannt wegen Ketzerei. Der kleine Eulenspiegel ist danach zu dem Haufen Glut und Asche gegangen und hat ein Beutelchen mit Asche gefüllt und sich um den Hals gehängt. Später, als er schon ein Mann ist, fragt jemand den Eulenspiegel: Warum regst du dich so auf, warum kämpfst du so, warum lässt du niemanden in Ruhe? Und Eulenspiegel antwortet: Die Asche in meinem Beutelchen ist immer noch heiß, und sie brennt auf meinem Herzen. So, sagt Vitaly Malkin, geht es mir, wenn ich an die Beschneidung der jungen Frauen denke.

Für einen Moment sieht er furchtbar zornig aus. Dann stürzt er sein Glas Champagner hinunter und geht tanzen. Irgendwann in den nächsten Tagen will er in die Dolomiten reisen oder nach Andorra oder an den Gardasee oder in die Türkei oder nach Mauretanien.

Spass am Auf und Ab der Börse

NZZ – Eugen Stamm

Geldanlage ist nicht nur ein analytisches, sondern auch ein emotionales Thema – und ein zuverlässiger Weg, langfristig Wohlstand aufzubauen.

Der Angestellte der Zürcher Kantonalbank am Schalter war sicher irritiert, liess sich aber nichts anmerken. Da stand ich schon wieder vor ihm, ein Teenager, und erteilte ihm einen Börsenauftrag zum Verkauf von fünf Aktien der Hero-Konservenfabrik Lenzburg. Einige Wochen früher hatte ich sie gekauft, ebenfalls bei ihm am Schalter – das Internet war damals noch nicht, was es heute ist. Der Kurs hatte sich leicht positiv entwickelt. Jeden Morgen entriss ich den Eltern den Börsenteil der Zeitung und verfolgte die Entwicklung. Nun wies mich der Herr im Anzug höflich darauf hin, dass nach Abzug der Gebühren ein Gewinn von nur etwa 60 Fr. resultieren würde, eine Lappalie also. Ich war begeistert. Verkaufen! Auf dem Heimweg fühlte ich mich, als hätte ich Zaubern gelernt. Geld lässt sich aus dem Nichts erschaffen! Man muss eben nur wissen, wie. Der russische Salat in der Dose, der bei uns im Küchenregal stand, war von Hero. Darum war das einer der wenigen Namen auf der Börsenseite, die ich überhaupt kannte.

Geduld ist gefragt

«Investieren sollte mehr so sein, wie Farbe beim Trocknen zuzuschauen», sagte der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Samuelson einmal. Wer Aufregung wolle, solle nach Las Vegas gehen. Samuelson hatte schon recht; Geduld ist wichtig. Denn nach meinem Verkaufseifer musste ich mit wachsendem Unbehagen mit ansehen, wie der Kurs von Hero unbeirrt weiter stieg. Also rechnete ich mir nun täglich vor, wie viel Gewinn mir entgangen war – eine schmerzhafte erste Lektion. Es sollte nicht die letzte sein. Die Börse ist eine strenge Lehrerin, sie zeigt einem immer wieder, wie dumm man eigentlich ist.

Anders als Samuelson kann man aber der Meinung sein, dass Investieren durchaus aufregende Seiten hat. Geld bewegt die Welt, deswegen lohnt es sich, mehr darüber zu lernen. Wirtschaftliche Zusammenhänge zu verstehen, Ertrags- und Kostentreiber eines Unternehmens und einer Industrie richtig einzuschätzen, sei faszinierend, sagt Christine Schmid, Leiterin Investment Solutions bei der Grossbank Credit Suisse. Ein breiter Teil der Bevölkerung dürfte das allerdings anders sehen. Viele sind der Überzeugung, dass Finanzanlagen zu kompliziert sind oder nur Wohlhabende etwas angehen. Also parkieren sie ihr Kapital auf dem Sparkonto. Gemäss Umfragen besitzt nur etwa ein Fünftel der Schweizer Bevölkerung Aktien. Hauptgrund ist offenbar mangelndes Wissen, noch vor der fehlenden Zeit.

Dabei ist der wichtigste Grundsatz so einfach, dass ihn jeder Teenager versteht: Geld kann man investieren oder ausgeben. Investieren heisst, Vermögenswerte zu kaufen, deren Wert langfristig steigt, also etwa Aktien. Als Aktionär wird man Eigentümer eines Unternehmens. Wenn es sich gut entwickelt, profitiert man. Mit einer Aktie des Technologiekonzerns Apple verdient man an jedem verkauften neuen iPhone mit. «Als Investor ist man am Wirtschaftsgeschehen und an der Entwicklung von Unternehmen unmittelbar beteiligt», sagt Anton Simonet, Leiter Wealth Management Schweiz bei der Grossbank UBS. Seine ersten Investitionen waren Schweizer Aktien, von denen er einige heute noch hält.

Viele verstehen den Unterschied zwischen Konsum und Vermögenswerten nicht. Eine Erklärung liefert beispielsweise Robert Kiyosaki im Bestseller «Rich Dad Poor Dad». «Ich habe in ein neues Auto investiert», hört man die Leute sagen, oder in eine Stereoanlage oder in eine teure Uhr oder sonst etwas. Das so zu sagen, ist falsch. Denn ein Auto ist ein Konsumgut, keine Investition; es wirft nichts ab, sondern kostet nur. Wer andauernd auf Instagram zeigen muss, was er hat, bleibt arm, denn echte Vermögenswerte sind nicht fotogen. Der Rapper Ice-T fordert im Lied «Rap Games Hijacked»: Statt mit Goldkettchen herumzurennen, solle man in Immobilien investieren – ein durchaus vernünftiger Ratschlag.

Verantwortung übernehmen

Aktien oder auch Anlagefonds, die auf Aktien oder Immobilien setzen, eignen sich nicht zum Angeben. Die Freude an ihnen muss also irgendwo anders herkommen. Aber woher? Jörg Allenspach, Chef des Vermögensverwalters Candriam Schweiz, weist darauf hin, dass Geld anlegen auch heisst, Verantwortung dafür zu übernehmen, was man unterstützen will. Man kann sich also negativ entscheiden und sich sagen, ich würde nie in ein Unternehmen investieren, das dies oder das macht; oder man lässt sich von seinen Interessen leiten: Die Ärztin investiert in einen Biotech-Fonds, die Ingenieurin in ABB oder Airbus und der Teenager in Nintendo oder H&M. Daniel Wild, Co-CEO des Vermögensverwalters Robeco SAM, findet beispielsweise bemerkenswert, dass heute umweltbezogene Aspekte im Anlageprozess systematisch berücksichtigt werden – er arbeitete früher als Ingenieur im Umweltbereich.

Die Banken sind ziemlich gut darin, Geldanlage als etwas Kompliziertes darzustellen. Schliesslich verdienen sie Geld damit, einem dabei zu helfen, sich im Dickicht von Anlageprodukten zurechtzufinden, das sie selber erschaffen haben. Wenn man nicht viel Vermögen hat, kann man von ihnen nicht viel erwarten und eröffnet besser ein Depot bei einem Online-Broker.

Josef U. Bollag, Chef der Vermögensverwaltungsfirma Tareno, hat mit 17 einen grossen Teil seines bescheidenen Ersparten in die PS der Zürich-Versicherung investiert. Der Grund dafür seien reine Neugier und Lust auf diese Erfahrung gewesen, sagt er. Geldanlage ist für ihn eine Mischung zwischen Intuition und analytischem Vorgehen.

Dieses Abenteuer zu wagen, diese Erfahrung zu machen, ist empfehlenswert, auch wenn man das Fachwissen (noch) nicht hat, um den Zahlenteil eines Geschäftsberichtes zu analysieren. Die Augen offen halten kann schliesslich jeder. Wenn man bemerkt, dass die stilbewussten Kolleginnen im Yoga neuerdings Lululemon tragen oder in den angesagten Bars Fever-Tree-Tonic zum Gin serviert wird, kann man damit Geld verdienen – man muss nur wissen, dass diese Firmen an der Börse gehandelt werden, und solche Aktien frühzeitig kaufen.

Wie man die Erben auf die Millionen vorbereitet

NZZ – Eugen Stamm

Die Praxis zeigt, dass ein gemeinsamer Planungsprozess, der die nachfolgende Generation mit einbezieht, die Chancen erhöht, das Erbe zu bewahren.

Kein erfolgreicher Geschäftsmann will wohl mit einer unbedachten Handlung das Familienvermögen aufs Spiel setzen. Aber gerade in familiären Angelegenheiten, wenn Gefühle den Sachverstand ausser Kraft setzen, ist rasch grosser Schaden angerichtet. Ein Beispiel: Zu Lebzeiten schenkt der Vater seinem Sohn eine Immobilie, ohne der Tochter ein Wort davon zu sagen. Sie erfährt erst nach seinem Ableben von der geheimen Transaktion. Verständlicherweise ist sie durch diese Handlung zutiefst gekränkt. Als Folge davon entbrennt ein jahrelanger, äusserst teurer Rechtsstreit zwischen den Geschwistern. Was in diesem Fall der Handlungsgrund des Vaters war, ist für die Allgemeinheit nicht relevant. Die Frage, ob das auch anders geht, hingegen schon.

Geschenk statt Last

In der Praxis finden sich haarsträubende Beispiele dafür, wie Menschen ihren Liebsten das Erben zur Last machen. Der geschiedene Vater etwa, der seine neue, junge Freundin heiratet und sie damit zur gesetzlichen Erbin macht – das Ganze hinter dem Rücken seiner erwachsenen Kinder, weil Ärger ausbräche, wenn sie es erführen. Solche Geheimniskrämerei garantiert einen späteren Erbstreit. Oder der Ehemann, der sehr bescheiden mit seiner Gattin lebt, ohne dass diese die geringste Ahnung von seinem Millionenvermögen hat. Als sie nach seinem Tod davon erfährt, ist sie durch diese Lebenslüge so schockiert, dass sie mit all dem Geld nichts anzufangen weiss. Eine Erbschaft, die man sich im Allgemeinen als wunderbares Geschenk vorstellt, verkehrt sich in solchen Situationen zu einer schmerzhaften Ungerechtigkeit, die zu lächerlichem Geld geronnen ist.

Wie man sein Vermögen durch Geldanlage mehrt oder ein Testament verfasst, dazu findet man Anleitungen genug. Was ist aber mit der Frage, wie man Menschen auf Vermögen vorbereitet? Braucht es das überhaupt?

Der Umgang mit diesem Thema ist eine höchst persönliche Entscheidung. Man kann sich sagen: «Mit meinem Eigentum verfahre ich, wie es mir passt! Après moi le déluge.» Ist man hingegen weniger fatalistisch gestimmt, möchte man vielleicht doch mehr weitergeben als nur Millionen – etwa das Wissen darum, wie sie entstanden sind und nach welchen Grundsätzen einem ihre Bewahrung, ihr Einsatz und ihr Verbrauch sinnvoll erscheint. Wird Geld mit gesunden Wertvorstellungen bereichert, dann wird es für die Nachkommen nicht zur Last, sondern gibt ihnen Wurzeln und Flügel, wie die Chinesen sagen.

Skripte zum Umgang mit Reichtum werden, meist unbewusst, so oder so tradiert. Schliesslich bekommen alle von ihren Eltern eine bestimmte Grundhaltung vermittelt, vorgelebt in ihren Handlungen und verdeutlicht in Bemerkungen, die sie fallenlassen. So hört man, dass Sparsamkeit eine Tugend, oder aber, dass nur das Beste gut genug sei; dass man den Armen helfen müsse, oder aber, dass sie auch reich wären, wenn sie sich nur anstrengten. Was der Grundgehalt auch sein mag, dieser Form der Vermittlung mangelt es in ihrer Beiläufigkeit an Reflexion, sie ist etwas anderes als eine Diskussion.

Strukturierte Gespräche

Das geht auch anders. Ein strukturierter Ansatz vermag zuverlässiger zu verdeutlichen, was einem wirklich wichtig ist, und hilft bestenfalls, die Familie zu einen und so späteren Ärger zu vermeiden. Wie man das genau macht, lernt man von sehr vermögenden Sippen.

Diese entdecken nämlich auch in der Schweiz vermehrt das Thema Family-Governance als Instrument der generationenübergreifenden Planung. Typischerweise sind bei solchen Familien nicht nur die Vermögensverhältnisse ziemlich kompliziert, sondern oft auch noch die zahlreichen Angehörigen über den ganzen Erdball verstreut. Ein inniges Gespräch unter dem Weihnachtsbaum tut es in solchen Konstellationen eben nicht mehr.

Ziel der Family-Governance ist, familiäre Einmütigkeit herzustellen. Das bedeutet nicht dasselbe wie Gleichschaltung, schliesslich bedeutet manchen Leuten Geld viel, anderen herzlich wenig. Vielmehr geht es darum, ein breit abgestütztes Selbstverständnis der Familie zu formulieren, im Sinne von: «Unser Name steht für . . .» – manche gehen so weit, das Resultat tatsächlich in einer schriftlichen Familienverfassung festzuhalten.

Wie oft ist aber auch hier der Weg eigentlich das Ziel. In der Praxis gibt es verschiedene spielerische Instrumente, um die Diskussion anzustossen, Spielkarten beispielsweise, die für verschiedene Werte stehen wie etwa: Mitgefühl, Sicherheit, Unabhängigkeit. Nicht selten seien die Leute überrascht, wenn sie sähen, welche Werte enge Verwandte als besonders wichtig bezeichneten, sagt Jorge Frey, der bei Marcuard Family Office solche Diskussionen anleitet. «Ihr habt mich nie gefragt», sagen die eher Schweigsamen dann oft.

Wertbasierte Anlagestrategie

Für den abgebrühten Geschäftsmann mag so ein Prozedere vielleicht nach unnützer Gefühlsduselei oder Gruppentherapie klingen. Allerdings sind Erkenntnisse aus diesem Prozess als Leitlinien für die Vermögensverwaltung wertvoll. Wenn alle voneinander wissen, ob ihnen Sicherheit oder Wagemut wichtiger sind, dann trifft man eine besser informierte Entscheidung, sobald man das Familienvermögen zwischen Staatsanleihen und Startups aufteilt. Die Diskussion hilft auch, die nächste Generation zu schulen, die richtigen Fragen zu stellen. Wenn ihr Nachhaltigkeit und Fairness am Herzen liegt, wie setzt man das in der Anlagestrategie um? Lässt man sich mit einem grün angehauchten Fonds abspeisen, oder bildet man sich weiter?

Es ist offensichtlich, dass Family-Governance keine Aufgabe für einen Samstagmorgen ist, sondern ein stetiger Prozess. Ein indirektes Ziel dieses Vorgehens besteht darin, die Familienmitglieder mit einzubeziehen, sie altersgerecht zu befähigen mitzuentscheiden. Eine Familie beispielsweise vergibt jährlich Geld für philanthropische Zwecke. Mitglieder der jüngsten Generation präsentieren vor den anderen Projekte, die sie sinnvoll finden. Dann stimmt man ab, welches den Zuschlag erhält. So wird aus der Spende ein lehrreiches Gemeinschaftswerk.

Sich an solche partizipative Verhaltensmuster zu gewöhnen, dürfte vor allem für störrische Patriarchen, die gerne alles allein entscheiden, schwierig und heilsam zugleich sein. Nicht selten stossen darum die Jungen einen solchen Prozess an, der professionell begleitet wird. Ein gemeinsamer Wille muss aber schon vorhanden sein. Wenn eine Familie bereits stark verkracht ist, dann ist es nicht der Vermögensverwalter, der solche Risse kitten kann.

Summer Camp for the Ultra-Wealthy Teaches Kids How to Stay Rich

Bloomberg – Suzanne Woolley

Attendees at Next Gen functions hosted by the likes of UBS, Citi Private Bank, and Credit Suisse will one day rank among the world’s most sought-after clients.

Fifty-two heirs to lavish fortunes luxuriate in sleek splendor at the Four Seasons.

They sip designer lattes and speak the language of wealth. The talk is of money, noblesse oblige, technology, Formula One. At lunchtime, out comes chilled rosé, with a tasting led by Jon Bon Jovi’s son Jesse.

Welcome to Camp Rich.

Here, not far from Wall Street, Swiss banking giant UBS Group AG has convened its annual Young Successors Program (YSP), a three-day workshop for people who were born loaded. Part tutorial and part self-actualization exercise, the event is designed to stamp the UBS brand on the minds of the next generation of the ultra-wealthy—in essence, to hook them while they’re young.

With an average age of 27, attendees at the June YSP and other Next Gen functions hosted by the likes of UBS, Citi Private Bank, Morgan Stanley and Credit Suisse will one day rank among the world’s most sought-after clients. Or, at least, that’s the hope. In an era of extreme affluence, elite money managers are vying for the hyper-rich as never before. The world is poised for a generational shift in wealth that will ripple through global business and financial markets, and the banks can’t afford to take any accounts—current or future—for granted.

On one level, these programs—also held in cities such as Zurich, London and Singapore—represent high-end networking opportunities where the young and rich can be young and rich together.

The intimacy “allows them to let their guard down for a change,” said John Mathews, head of private-wealth management and ultra-high net worth for UBS Wealth Management USA.

The gatherings also allow private banks to show off the broad range of services they offer, which is crucial as investing becomes largely commodified—and in any case, isn’t a topic that inspires passion among millennials.

So while one of Citi Private Bank’s Next Gen programs offers a day on financial theory and strategy, it also devotes a day to entrepreneurship and innovation and another to estate planning.

“We want young ones to understand that, as a scion of a wealthy family with a business legacy, you have responsibilities,” said the aptly named Money K., who heads up Citi’s global Next Gen programs from Singapore. “Eventually you will inherit, so how should you think about it, and what are the rules on estate planning in different jurisdictions around the world?“

Invitees to the June UBS confab had at least one thing in common: a family account with the bank well into—or above—the eight-digit mark. They arrived from around the world and included seven sets of siblings. The youngest was 21; the oldest, 34. UBS executives agreed to speak about the gathering, and allowed a reporter to attend all but the evening activities, on the condition that participants not be named.

Fusty these affairs are not. For one cocktail reception, UBS chose a penthouse with a terrace atop the Beekman Hotel, a renovated Gilded Age office building. Brown Brothers Harriman & Co.—about as old-school as it gets, with a history going back to 1818—hosted 40 offspring of its best clients at the chic Soho Grand last year. Morgan Stanley’s private-wealth management business went for a different hipster vibe, taking over the bowling lanes at Lucky Strike in Manhattan for the 100 attendees of its Next Gen program in May.

Since many millennials want to run their own businesses and like to learn from peers, Morgan Stanley included a “Shark Tank”-style session with young social entrepreneurs pitching to a panel of three attendees.

“Socially responsible investing is a theme that really resonates,” said Mandell Crawley, head of private wealth management at the bank.

Personal branding also clicks with the younger generation, so Crawley headed up a discussion on “Defining Your Narrative.” Breakout talks included creating “a powerful package called ‘you’” and “how to communicate like a leader.”

Another popular theme is innovations in philanthropy, and wealth managers are increasingly keen to offer strategic advice. Checkbook charity doesn’t appeal, but impact philanthropy does, because the results can be measured. The poster child for this may be Scott Harrison, 42, founder of Charity: Water, who spoke at the Morgan Stanley event and UBS’s June gathering.

Harrison’s story stretches from life as a nightclub promoter to head of a wildly popular nonprofit creating access to clean water in developing countries. His presentation showed photos of the grueling journeys many women and girls take to fill jerry cans with 40 pounds of water that isn’t even fit to drink.

Millennials are said to value experiences over things, so UBS had the group walk a mile with a similar can, switching off among themselves as they headed to a chic townhouse for cocktails. There, to get a different perspective, they donned virtual-reality goggles. The next morning, UBS announced it had donated $12,000 in the YSP group’s name to build a well.

Jesse Bongiovi shared some thoughts during one of the lunches, along with the rosé wine, Diving into Hampton Water, that he launched with his Grammy-winning father. The 23-year-old got some inspiration on marketing the rosé when he was an attendee at last year’s program, after hearing a presentation on disruptive innovation from Luke Williams, a professor of entrepreneurship and marketing at New York University Stern School of Business and regular speaker at the UBS workshops. Fast cars—really fast ones—entered the mix, too. Nico Rosberg, a 33-year-old Formula One champion, spoke about his new focus on cutting-edge startup investing. Silicon Valley technologist and venture capitalist Evangelos Simoudis, of Synapse Partners, also spoke.

Networking breaks punctuate the sessions, and the food can be as trendy as the venues. At the UBS event, attendees could try out a La Colombe draft latte machine or grab a fresh bottle of Voss water to wash down artfully arranged, freshly baked mini-doughnuts and pretzels with cheese dipping sauce, or a healthier concoction involving chia seeds, dried papaya bits and mint.

All the informal mingling has led participants to become best friends, marry, vacation together and invest alongside each other, the banks say. Bongiovi hooks up regularly with five guys he met in the program, and UBS’s Mathews said one set of alums dubbed themselves the “Group of 13” and convene every year to talk about family issues.

The banks often set up LinkedIn groups or Facebook pages and host events during the year, such as UBS gatherings at Art Basel in Miami Beach.

Credit Suisse may have the most elaborate networking program. Thirty-five sons and daughters of the bank’s most valued clients go through its six-day Young Investors Program (YIP) and so become part of its Young Investors Organization (another acronym: YIO). YIP alums head up the group, which has more than 1,300 members from 55 countries and has regional, local, and global meetings.

Sparking communication between the heirs and their parents may yield the biggest dividends for wealth managers, however.

“I went home and asked my parents a million and one questions about how things are set up,” Bongiovi said. He met the family’s adviser, and they’ve gotten together a number of times since then. Bongiovi said he is now a lot more familiar and involved with his family’s situation and their next steps.

And, of course, he’s more familiar with UBS. Mission accomplished.

Geld allein macht nicht glücklich, aber es hilft sehr

NZZ – Bruno S. Frey

Die Glücksforschung führt zu überraschenden Ergebnissen und widerlegt alte Vorurteile.

Empirische Glücksforschung ist heute ein wichtiger Teil der Ökonomie und Psychologie geworden. Glück hat allerdings mancherlei Bedeutungen und ist deshalb schwer zu messen. Häufig werden drei Arten von Glück unterschieden: der kurzfristige, rasch vergehende Affekt als das eine Extrem; am anderen Ende der Skala ein erfülltes, gutes Leben als Ganzes. Dazwischen ist die subjektive Lebenszufriedenheit angesiedelt, mit der sich die Glücksforschung vor allem beschäftigt, indem sie fragt: «Alles in allem, wie zufrieden sind Sie mit dem Leben, das Sie führen?»

Diese Frage zielt auf überlegte Antworten, welche auch etwas längerfristige Aspekte einbeziehen. Sie wurde und wird einer riesigen Zahl von Personen in Hunderten von Ländern gestellt. Mit Hilfe fortgeschrittener statistischer Methoden können die verschiedenen Einflussgrössen auf die subjektive Lebenszufriedenheit (oder kurz auf das «Glück») isoliert werden. Damit lässt sich der Einfluss einzelner Grössen untersuchen, indem die Einflüsse der vielen anderen Faktoren konstant gehalten werden.

Die Antworten auf diese Frage entsprechen gut einem landläufigen Verständnis von Glück und bestätigen übliche Auffassungen. Wer auf einer Skala zwischen 0 («völlig unzufrieden») und 10 («völlig zufrieden») einen hohen Wert angibt, lächelt zum Beispiel mehr (im Sinne des sogenannten Duchenne-Lächelns, das sich nicht vortäuschen lässt), ist optimistischer und geselliger.

Das kurze Glück ob dem Neuen

Die Glücksforschung bringt dabei einiges Überraschendes hervor. So sind die meisten Menschen der Ansicht: «Geld macht nicht glücklich.» Viele Sozialromantiker sind überzeugt, in armen Ländern lebende Menschen seien wenig Stress ausgesetzt und deshalb zufriedener. Die moderne, empirisch fundierte Glücksforschung kommt zum Ergebnis: «Geld macht glücklich.» Mit steigendem Einkommen nimmt die Lebenszufriedenheit eindeutig zu. Wer arm ist und mit Geldsorgen zu kämpfen hat, ist mit seinem Leben weniger zufrieden als gutverdienende Menschen, die sich kaum Gedanken um die Finanzierung ihrer Bedürfnisse machen müssen.

Allerdings findet die empirische Glücksforschung keine lineare Beziehung zwischen steigendem Einkommen und Glück. Zusätzliches Einkommen verschafft immer weniger zusätzliches Glück. Je mehr Geld zur Verfügung steht, desto wichtiger werden andere Faktoren, insbesondere intensive soziale Beziehungen mit Freunden, Verwandten und Kollegen.

Die Bedeutung sozialer Beziehungen wird allerdings von den meisten Menschen nicht angemessen vorausgesehen. Sie haben eine geringe Fähigkeit, die Bedingungen zukünftiger Lebenszufriedenheit richtig einzuschätzen. Das neue schicke Auto macht nur kurzfristig glücklicher. Auch das Haus im Grünen, sehnlichst erwünscht und mit langen Arbeitswegen verbunden, ist im statistischen Durchschnitt längerfristig kein Glücksbringer. Die meisten Pendler wollen es nicht wahrhaben, aber Untersuchungen zeigen, dass ihre Lebenszufriedenheit geringer ist als bei Personen, die näher bei ihrem Arbeitsort wohnen.

Es ist nicht gleichgültig, wie man sein Einkommen bezieht. Geld ohne Gegenleistung mindert zwar die täglichen Sorgen um den Lebensunterhalt, macht aber weniger glücklich als ein Einkommen, das man sich selbst verdient hat. Arbeitslose, die über längere Zeit vom Staat monetär versorgt werden, sind mit ihrem Leben weniger zufrieden (bei konstant gehaltenen anderen Faktoren, insbesondere dem Einkommen). Sie fühlen sich von der Gesellschaft ausgeschlossen, und ihr Selbstwertgefühl leidet.

Ähnliches gilt auch für Wirtschaftsflüchtlinge. Wenn ihnen der Staat einfach Geld überweist, wird ihnen damit unterstellt, keine Leistung erbringen zu können oder zu wollen. Aus diesem Grund sollte Wirtschaftsflüchtlingen möglichst rasch die Möglichkeit eröffnet werden, in unserem Arbeitsmarkt tätig zu werden und daraus ein selbst erarbeitetes Einkommen zu erzielen.

Der Staat überweist Pensionierten zwar auch regelmässig Geld, die entsprechende Leistung wurde jedoch in der Vergangenheit erbracht. In der Tat sind ältere Personen glücklicher als solche im mittleren Alter, was der landläufigen Vorstellung widerspricht.

Kleinstaaten-Glück

Die meisten Menschen glauben, Lohntransparenz stelle einen Fortschritt dar. Glücklicher werden sie damit jedoch nicht. Menschen tendieren nämlich dazu, sich mit Personen zu vergleichen, die ein höheres Einkommen haben, was sie neidisch macht. Aus dieser Sicht ist die heute häufig propagierte Offenlegung aller Bezüge in einer Firma («gläserne Lohntüte») nicht sinnvoll.

Auch hinsichtlich des Einflusses anderer Faktoren zeigen die quantitativen Untersuchungen einige unerwartete Ergebnisse. Ein schwerer Unfall, der eine grosse körperliche Beeinträchtigung verursacht, senkt zwar zuerst die Lebenszufriedenheit markant. Nach einiger Zeit steigt sie aber wieder fast auf das alte Glücksniveau. Umgekehrt sind Lottogewinner nur vorübergehend glücklicher. Als Grund gilt, dass das Glücksempfinden eine stark genetische Komponente hat.

In der heutigen, digital geprägten Welt gelten kleine Länder vielfach als überholt. Die empirischen Ergebnisse zeigen jedoch das Gegenteil. Dänemark, Finnland, Norwegen, Island und die Schweiz erweisen sich regelmässig als diejenigen Länder, in denen sich die Bevölkerung am glücklichsten fühlt. Grosse Länder wie die USA, Frankreich, Deutschland oder Italien fallen hingegen deutlich ab. Innerhalb der Schweiz ist der «Kantönligeist» ebenfalls glücksfördernd. Die Bürgerinnen und Bürger schätzen es, wenn sie über lokale politische Angelegenheiten selbst entscheiden können. Deshalb sollte sehr wohl überlegt werden, ob Zusammenschlüsse von Gemeinden und sogar Kantonen erstrebenswert sind.

Demokratie wird heute von vielen als überholte Staatsform angesehen, die für eine moderne digitale Gesellschaft nicht mehr recht tauge. Als Vorbilder werden Singapur und ähnlich autoritär gelenkte Länder (zuweilen sogar die Volksrepublik China) angesehen. Jedoch zeigt die Glücksforschung im Vergleich unterschiedlicher Länder und Regionen, dass die Bewohner umso glücklicher sind, je demokratischer die Verhältnisse sind.

Mit meinem Kollegen Alois Stutzer von der Universität Basel habe ich diesen Zusammenhang für die Schweiz untersucht. Wir haben dabei die unterschiedlichen Möglichkeiten direktdemokratischer Mitsprache zwischen den Kantonen betrachtet. Zum Beispiel können die Wahlberechtigten im Kanton Genf zu manchen Themen, insbesondere hinsichtlich budgetärer Aspekte, nicht abstimmen. Im Kanton Basel-Landschaft hingegen sind die direktdemokratischen Mitwirkungsmöglichkeiten besonders ausgeprägt.

Das saudische Glücks-Ministerium

Unsere Ergebnisse zeigen, dass – unter sonst gleichen Bedingungen – die Bürgerinnen und Bürger in Kantonen mit stärker entwickelten Initiative- und Referendumsrechten mit ihrem Leben zufriedener sind. Wiederum sind Schweizer Bürger insgesamt bei gleichem Einkommen, Alter und Geschlecht zufriedener als in unserem Land lebende Ausländer. Auch dieser Unterschied unterstreicht die glücksstiftende Wirkung der Möglichkeit zur politischen Beteiligung.

Die sozialwissenschaftliche Glücksforschung liefert erhebliche neue Einsichten. Es besteht jedoch die Gefahr, dass Parteien und Politiker sie für ihre Zwecke missbrauchen. Saudiarabien hat sogar eine Ministerin für Glück eingesetzt. Es erscheint fortschrittlich und tönt gut, wenn sich eine Regierung direkt um das Glück ihrer Bevölkerung kümmert. Allerdings lässt sich das Glück nicht bürokratisch von oben herbeiführen.

Eine «Glückspolitik» ist auch deshalb verfehlt, weil Regierungen dann einen Anreiz haben, die Glücksindizes zu ihren Gunsten zu manipulieren. Dies ist einfach zu bewerkstelligen. Zum Beispiel brauchen nur die weniger Glücklichen – etwa Personen im Gefängnis – von der Zählung ausgeschlossen zu werden, wie dies in den USA der Fall ist. In einer Demokratie sollte die Politik die Wünsche der Bevölkerung ernst nehmen und ihr die Möglichkeiten eröffnen, diese so weitgehend wie möglich selber zu erfüllen. Dazu gehören vor allem Massnahmen zur Sicherung der wirtschaftlichen Prosperität und die Festigung der demokratischen Institutionen.

Werte muss man sich leisten können – der neue Moraladel

NZZ – Wolfgang Ullrich

Es ist unklug, politisch-moralische Diskurse vor allem als Diskurse über Werte zu führen. Denn die Werteseligkeit in der heutigen Gesellschaft hat auch eine gefährliche Kehrseite. Es ist nämlich die Seligkeit nur von Eliten.

Seit geraumer Zeit ist kaum etwas so beliebt wie Werte. Politiker beschwören «unsere Werte», Kulturkonservative berufen sich auf Heimat oder Tradition als ihre Werte, linksalternative Milieus bekennen sich zu Werten wie Nachhaltigkeit und Multikulturalismus und richten ihr Konsum- und Freizeitverhalten danach aus.

Über alle Unterschiede hinweg ist diesen Diskursen dabei die Annahme gemeinsam, dass Werte jeweils erst und immer wieder in Kraft gesetzt werden müssen. Wer eine nihilistische Diagnose stellt, also für die gesamte Gesellschaft einen generellen Verlust der Werte beklagt und deren Neubelebung fordert, aber auch wer sich um einzelne Werte kümmert, um individuell profilierter zu sein, vertritt gleichermassen die Überzeugung, dass Werte nur durch persönlichen Einsatz Geltung erlangen können. Solange sie nicht eigens verkörpert sind, bleiben sie abstrakt und leer.

Diese Defizitunterstellung legt jedoch nicht nur eine Handlungsnotwendigkeit nahe, sondern verheisst vor allem einen Handlungsspielraum. Die Verkörperung und Realisierung von Werten verlangt und erlaubt jeweils eine Gestaltung: Hier ist Kreativität gefragt.

«Familie» als Wert – was heisst das?

Damit aber ist es für viele attraktiver, nach Werten zu leben, als ihr moralisches Leben an Tugenden, Pflichten oder Normen zu orientieren. Denn zu deren Erfüllung steht kaum Spielraum zur Verfügung: Man wird ihnen gerecht, oder man verfehlt sie. Anders als Werte existieren sie – so zumindest die herrschende Vorstellung – an sich und objektiv, und sie erlegen dem Menschen verbindliche Verhaltensregeln auf. Zwar kann man sich beim Essen oder im Energieverbrauch als massvoll erweisen oder tapfer in einem Beziehungskonflikt oder in einer Gefahrensituation sein, doch was massvoll und was tapfer ist, ist jeweils kaum strittig.

Dagegen lässt sich ein Wert wie «Familie» ganz unterschiedlich realisieren. Die einen geben viel Geld für eine möglichst grosse Wohnung aus, so dass jedes Kind genügend Platz hat, andere setzen alles daran, sich möglichst viel Zeit für die Kinder zu nehmen, weshalb sie vielleicht sogar auf eine berufliche Karriere verzichten. Wieder andere ziehen aufs Land, um den Kindern ein Aufwachsen in natürlicher Umgebung zu ermöglichen und um familiäre Rituale möglichst ungestört pflegen zu können.

Das Beispiel macht darauf aufmerksam, dass Werte bei ihrer Verwirklichung aber nicht nur Spielraum lassen, sondern zusätzlich zu einer immateriell-ideellen Dimension immer auch eine materielle Grundlage haben. Das gilt bereits für ihre gesamte Begriffsgeschichte. So verstand man unter Werten lange Zeit sogar primär materielle Güter – ein Haus, Schmuck, eine gute Aussteuer –, die aber zugleich mehr waren, da sie für Tradition, Fleiss oder gesellschaftlichen Status standen oder es erlaubten, sich für andere Menschen einzusetzen. Mittlerweile haben sich die Akzente verschoben.

Als Werte gelten nun Familie, Heimat oder Nachhaltigkeit – und das zuerst deshalb, weil sich damit Ideen eines guten Lebens verbinden. Sekundär spielt jedoch nach wie vor eine Rolle, dass bestimmte materielle Voraussetzungen vorhanden sein müssen, um diese Ideen auch verwirklichen zu können. Nur wer das Geld für die grössere Wohnung oder das Haus auf dem Land hat oder über genügend Rücklagen verfügt, um auch Teilzeit arbeiten zu können, wird es schaffen, den Wert «Familie» glaubwürdig zu realisieren.

An Ressourcen gebunden

Oft genügen nicht einmal Geld oder Zeit, um den eigenen Werten in gewünschtem Umfang Ausdruck zu verleihen. Vielleicht braucht man Bildung, vielleicht sogar spezifische inszenatorische oder performative Fähigkeiten – eben Kreativität –, um jene Spielräume zu füllen. Wer etwa auf die Strasse geht, um für einen Wert wie Datenschutz zu demonstrieren, wer eine Crowdfunding-Kampagne initiiert, um der Nachhaltigkeit in der Produktion auf die Sprünge zu helfen, wer sich für den Erhalt eines alten Gebäudes einsetzt, kann das jeweils nicht tun, ohne auf zahlreiche Ressourcen zurückzugreifen. Man muss sozioökonomisch und von seinen Anlagen her mehr oder weniger stark privilegiert sein; sonst ist ein Erfolg nahezu ausgeschlossen.

Wer Werte nicht eigens zur Geltung bringen kann, ist bestenfalls bieder und langweilig.

Positiv formuliert bedeutet das, dass Werte es erlauben, materielle Güter und Produktionsmittel aller Art für etwas zu verwenden, das einen ideellen Charakter besitzt. Sie stimulieren zu Transformationsleistungen, bei denen Geld oder Wissen dazu genutzt wird, die Welt ein klein wenig besser zu machen. Im mindesten verhilft man einem Wert wie Geschichte, Toleranz oder Fair Trade in der eigenen Lebenswelt zu mehr Realität, vielleicht wird man aber auch für andere Menschen zum Vorbild und schärft deren Bewusstsein für bestimmte Werte.

So weit, so gut. Doch hat die Werteseligkeit in der gegenwärtigen Gesellschaft auch eine gefährliche Kehrseite. Es ist nämlich die Seligkeit nur von Eliten. Und sie führt dazu, dass diejenigen, die über keine Privilegien verfügen, die also nicht wohlhabend, gebildet und kreativ begabt sind und die daher jene Spielräume nicht zu füllen vermögen, sich immer wieder als Menschen zweiter Klasse erfahren müssen.

Für sie stellt es einen grossen Nachteil dar, dass es unüblich geworden ist, die moralische Qualifikation an Tugenden oder Pflichten zu messen, sondern dass es vornehmlich darum geht, Werte umzusetzen. Denn um massvoll, gerecht, ehrlich oder rücksichtsvoll zu sein, braucht es weder Geld noch Begabung, ja nichts, worüber nicht jeder Mensch allein dadurch verfügt, dass er Mensch ist. Sind Tugend- und Pflichtenethiken ihrer Logik nach also egalitär, ist eine Wertethik im Gegenteil exklusiv. Sie ermöglicht es nicht allen Menschen gleichermassen, auch gute Menschen zu sein. Vielmehr gilt: Wer Werte nicht eigens zur Geltung bringen kann, ist bestenfalls bieder und langweilig, wird vielleicht aber sogar als abgestumpft, gleichgültig, unverantwortlich wahrgenommen.

Stolz darauf, stolz zu sein

Aber damit nicht genug. Die Ungleichheit steigert sich noch dadurch, dass die Privilegierten, die ihre Werte umfassend ausleben können, dazu neigen, auch stolz darauf zu sein und sich daher über andere Menschen zu erheben. Immerhin tun sie – zumindest nach eigenem Empfinden – nicht nur etwas Gutes, wenn sie sich für Familie, Natur oder Nachhaltigkeit engagieren, sondern erweisen sich zudem als aktiv und kreativ. Sie gestalten die Werte ja eigens und vollbringen damit gute Werke im doppelten Sinn. Moralstolz und Schaffensstolz verbinden sich miteinander und sorgen für Glücksgefühle, die sich im Empfinden eines guten Gewissens ausdrücken. Die Privilegierten werden somit zu Gewissenshedonisten, die schnell dabei sind, mit Dünkel und erhobenem Zeigefinger auf die vielen anderen herabzublicken, die nicht genauso gute Werke vollbringen.

Während die einen sich dank ihrem wertebewussten Lebensstil selbst als wertvoll erleben, kommt es den anderen so vor, als seien sie nur Trash.

Die Orientierung an Werten führt somit zu einer Verstärkung und Vertiefung sozialer Unterschiede. Wer wohlhabend ist, kann sich und sein Leben auch noch als gerechtfertigt erfahren, wer hingegen arm ist, erscheint gleich ein zweites Mal, nämlich in moralischem Sinne, als mangelhaft, gar als minderwertig. Und während die einen sich dank ihrem wertebewussten Lebensstil selbst als wertvoll erleben, kommt es den anderen so vor, als seien sie nur Trash. Es liegt somit in der Logik einer Wertethik, dass sich auf der einen Seite eine Moralaristokratie herausbildet, in der sich alles um das imposante Verkörpern einzelner Werte dreht, während andererseits ein Moralproletariat entsteht, das kaum eine Chance auf Anerkennung hat.

Schon bei Max Scheler, der vor rund einem Jahrhundert die umfassendste Wertethik ausgearbeitet hat, bestand das entscheidende Kriterium für moralisches Verhalten nicht etwa darin, dass es gegenüber dem kategorischen Imperativ bestehen kann, sondern dass es spezifisch und individuell einen Wert zum Ausdruck bringt. Eine moralische Handlung war für Scheler letztlich sogar genauso einzigartig wie ein Kunstwerk. Ein imposant realisierter Wert ist damit ein Meisterwerk – oder, wie man auch sagen könnte, ein Meisterwert. Wirklich imposant wird dieser aber nur, wenn möglichst grosse Mittel zu seiner Realisierung zur Verfügung stehen. Und es wird umso mehr ein Werk daraus, je begabter jemand ist, diese Mittel auch zu nutzen.

Moralisches Wohlstandsgefälle

Massgeblich konnte eine Wertethik allerdings erst in einer Wohlstandsgesellschaft werden, in der hinreichend viele Menschen genügend materielle Ressourcen haben, um sie auch für die Umsetzung von Werten übrig zu haben. Aber selbst wenn es viele sind, die nun ihre Werte realisieren, sind es noch mehr, die das nicht oder nur ungenügend können. Dass sie gegenüber dem Moraladel und angesichts von dessen Neigung zu Selbstgerechtigkeit Ressentiments entwickeln, liegt auf der Hand.

Davon zeugen bereits die populistischen Bewegungen, die in den letzten Jahren gerade in den Ländern virulent geworden sind, in denen ein moralisches Wohlstandsgefälle entstanden ist. In ihnen könnte man sogar eine neoprotestantische Mentalität erkennen, geht es doch heute nicht anders als vor fünfhundert Jahren darum, dass sich Menschen dagegen wehren, nur deshalb als moralisch schlechter qualifiziert zu gelten, weil es ihnen an äusseren Voraussetzungen dazu fehlt, als gut anerkannte Werke zu tun. Wie damals vor allem der Ablasshandel Widerstände auslöste, sind es heutzutage Crowdfunding-Projekte, Bio-Supermärkte, traditionsbewusste Do-it-yourself-Szenen oder der politische Kunstaktivismus, die den Argwohn wecken, einigen zu viel und allen anderen viel zu wenig Chancen auf ein gutes Gewissen zu gewähren.

Es ist höchste Zeit zu erkennen, wie gefährlich es ist, politisch-moralische Diskurse vor allem als Diskurse über Werte zu führen. Und es braucht eine Debatte darüber, wie sich verhindern lässt, dass sozioökonomische Unterschiede zu weiteren Unterschieden führen und nichtprivilegierte Menschen zugleich als moralische Personen abgewertet werden. So oft gerade die politische Linke den Kapitalismus als Motor sozialer Ungleichheit kritisiert hat, so selten hat man bisher die herrschende Wertethik als Motor moralischer Ungleichheit kritisiert. Wenn sich das nicht bald ändert, drohen unruhige Zeiten.

Die da oben

Zeit Online – Laura Cwiertnia

Reiche haben viel Einfluss in Deutschland. Doch man weiß fast nichts über sie. Eine Reise zu denen, die sie am besten kennen: Ihren Dienstleistern.

Mitten auf der Insel Sylt, zwischen Dünen und Fischrestaurants, liegt das Reich der Reichen. Klaus-John Weber zeigt auf einen geschwungenen Pfad, gesäumt von hohen Hecken. „Das ist der Hobookenweg“, sagt er, „die teuerste Straße Deutschlands.“ Ein Quadratmeter Land kostet hier mindestens 35.000 Euro.

Weber hat 41 Jahre als Butler auf Sylt gearbeitet. Deshalb weiß er, wie es hinter den Hecken aussieht, die die Bewohner in zwei soziale Klassen aufteilen: Menschen, die zig Millionen Euro für ein Ferienhaus ausgeben, um darin ein paar Wochen im Jahr Urlaub zu machen. Und dann sind da all die Menschen, die morgens vom Festland über den Hindenburgdamm zum Arbeiten auf die Insel pendeln, weil sie sich eine Mietwohnung auf Sylt nicht mehr leisten können.

Jahrhundertelang hat der Abstand zwischen Arm und Reich politische Ideologien geprägt, Kriege und Revolutionen ausgelöst. Gleichzeitig fasziniert das Leben der „Reichen“ die Leute. Millionen Menschen sehen sich im Fernsehen Krönungen und Dokumentationen über Champagnerpartys an. Und manch einer begeht sogar ein Verbrechen, um selbst reich zu werden. Doch die Wut auf die Vermögenden bleibt. Gerade erst hat sie den G20-Gipfel in Hamburg überschattet: Schon einen Tag vor der Veranstaltung fackelten Randalierer acht Porsche ab. Reichtum ist ein politisches Thema. Die SPD hat vor, die „reichen Erben“ stärker zu besteuern, die Linke alle Vermögenden.

Deutschland ist laut OECD das Land mit der dritthöchsten Vermögensungleichheit aller Industrienationen. Während laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) die Hälfte der Deutschen praktisch gar kein nennenswertes Vermögen besitzt und mancher sogar Schulden hat, gehören den oberen zehn Prozent geschätzt zwei Drittel des gesamten Eigentums. Ein einziges Prozent besitzt demnach sogar ein Drittel aller Immobilien, Sparanlagen, Aktien und Unternehmen.

Während die Armen regelmäßig von Wissenschaftlern durchleuchtet und analysiert werden, tauchen die Reichen in Statistiken selten auf – was auch daran liegt, dass nicht einmal offizielle Zahlen dazu existieren, wie viele es von ihnen in Deutschland gibt. Anders als etwa in den USA oder Spanien sind sie hier nicht amtlich registriert, weil es in Deutschland keine Vermögensteuer gibt.

Forscher streiten sogar darüber, wer hierzulande als „reich“ bezeichnet werden kann: ein Manager, der Hunderttausende im Monat verdient, aber dafür arbeiten muss? Jemand, der eine Million von seiner Tante geerbt hat? Ökonomen vom DIW haben 2016 erstmals den Begriff der „Vermögenselite“ definiert: Dazu zählen Menschen, die mindestens zehn Millionen Euro besitzen. Selbst die „Ärmsten“ von ihnen müssen nicht arbeiten und können sich trotzdem mehr leisten als die meisten anderen Menschen im Land. Und sie haben Macht: zum Beispiel weil ihr Geld in Unternehmen fließt, von denen Arbeitsplätze abhängen.

Und sonst? Reichtumsforscher, die diese Vermögenden anonym befragen wollen, kommen kaum an sie heran. Aber es gibt Menschen, die wissen, wie die Reichen leben, wie sie ihre Kinder erziehen und was ihnen Sorgen bereitet. Es sind Menschen wie Klaus-John Weber. Sie arbeiten als Dienstleister reicher Menschen, als Butler, Rechtsanwälte oder Escort-Damen. Sie hören ihre Auftraggeber reden. Was erfahren sie?

Der Butler

An einem Aprilmorgen dieses Jahres wartet Klaus-John Weber am Bahnhof in Westerland. Wenn Sylt das Klischee des reichen deutschen Urlaubsortes ist, dann erfüllt Weber das Klischee des Dieners: Er trägt Melone und einen langen schwarzen Mantel. Zur Begrüßung lüpft er den Hut, nimmt den Koffer ab, öffnet die Beifahrertür seines Kleinwagens und ruft: „Willkommen auf der Insel, Mylady!“

„Die Reichen bleiben unter sich“

Weber ist 72 Jahre alt. Bis er vor sieben Jahren in Rente ging, erfüllte er als freiberuflicher Butler den Urlaubern spezielle Wünsche. Weber begleitete sie bei Strandspaziergängen oder brachte ihre Hunde zum Tierarzt. So schildert er das. Ob es stimmt, lässt sich nicht nachprüfen. Denn die Namen seiner Arbeitgeber hält Weber geheim. Und ebenso, wie viel Honorar er bekommen hat. Wer heute einen derartigen Service bei einer Butler-Agentur bucht, zahlt dafür bis zu 400 Euro pro Stunde. Fragt man Weber, ob sich seine Kunden verändert hätten, antwortet er:

In den siebziger Jahren schliefen die Vermögenden noch in einfachen Pensionen, ganz egal, wie wohlhabend sie waren. Heute besitzen die Herrschaften überall auf der Welt Immobilien, an der Côte d’Azur, in Miami, hier auf Sylt. Für kleine Reetdachhäuser, die früher 200.000 Mark gekostet haben, bezahlt man heute 17 Millionen Euro. Dass die Anwesen so hochpreisig sind, liegt auch an der Nachbarschaft, denn die kaufen Sie mit. Die Insel Sylt ist in Branchen unterteilt: Hier wohnen die Verleger, dort die Schnapsfabrikanten und ein paar Kilometer weiter die Industriellen. In den Sommerferien laden sie sich gegenseitig auf Partys ein, ihre Kinder spielen miteinander, und manche heiraten später sogar. Wer will schon neben einem Bordellkönig wohnen, wenn er den Zeitschriftenverleger Heinz Bauer haben kann? Dafür bezahlen sie auch gern etwas mehr. Früher haben die Herrschaften nicht so zurückgezogen gelebt. In den siebziger Jahren feierten sie Kostümpartys am Strand. Geändert hat sich das in der RAF-Zeit. Da verbrannten Eltern plötzlich die Fotos ihrer Kinder, und die Jugendlichen durften nur noch in großen Gruppen über die Insel fahren, damit sie nicht entführt werden konnten. Heute haben die meisten zwar keine Angst mehr, bleiben aber trotzdem lieber unter sich. In der Regel sogar in ihrer Vermögensklasse. Da brauchen sie sich keine Sorgen zu machen, dass jemand an ihr Geld will. Viele fürchten sich vor Menschen, die erst den charmanten Liebhaber spielen und sie später mit ihren Geheimnissen erpressen.

Die Dienstleister, die hier von ihren Erfahrungen erzählen, erleben die Vermögenden in sehr unterschiedlichen Situationen: zu Hause, in der Kanzlei, im Klassenzimmer oder im Bett. Doch alle machen dieselbe Beobachtung wie der Butler Klaus-John Weber. Er sagt: „Die Reichen bleiben unter sich.“

Wie gespalten eine Gesellschaft ist, sieht man vor allem daran, ob sich ihre Gruppen im Alltag noch begegnen. In Deutschland hat sich das Wohnen in den vergangenen Jahren drastisch verändert. Ob in den Elbvororten von Hamburg, an den teuren Ufern oberbayerischer Seen oder im Hochtaunus: In manchen Gegenden sind die Immobilienpreise so stark gestiegen, dass dort heute fast nur noch Leute leben, die viel besitzen. Auch in den größeren Städten wohnen Arme und Reiche immer weiter voneinander entfernt. Man kann dies – wie Klaus-John Weber – mit Furcht um Familie, Eigentum, Privatsphäre begründen, oder damit, dass sich die Reichen von der Masse abheben wollen.

Anders als in den USA neigen die meisten Vermögenden in Deutschland nicht dazu, ihren Reichtum öffentlich auszustellen, sie verstecken ihn lieber. Meist leben sie hinter hohen Mauern, und ihre Hofeinfahrten sind besonders lang. Man mag darin die Dezenz des deutschen Reichtums erkennen, den fehlenden Willen zum Protz, aber es zeigt sich darin auch etwas anderes: die Abkehr vom Leben der anderen.

Der Concierge

Knapp tausend Kilometer vom Butler Weber entfernt arbeitet ein Mann, der den Vermögenden Türen öffnet, die den meisten Menschen verschlossen bleiben. Florian Weidenbach ist Chefconcierge im Bayerischen Hof in München, einem der bekanntesten Luxushotels Deutschlands. Ein Doppelzimmer kostet hier bis zu 580 Euro pro Nacht. Das können sich zwar auch Menschen leisten, die nicht extrem reich sind. Doch viele der Superreichen zählen hier zu den Stammgästen.

Warum sie so gern kommen, hat viel mit Florian Weidenbach selbst zu tun. Wenn die Gäste hier übernachten, ist er so etwas wie ihr persönlicher Assistent. Er übernimmt auch Aufgaben, die nichts mit der Hotelübernachtung zu tun haben. „Wenn jemand Karten fürs Champions-League-Spiel will oder einen Privatjet braucht, organisiere ich das für ihn“, sagt er.

„Die meisten wünschen sich ein Girlfriend-Gefühl“

Florian Weidenbach sieht aus wie die moderne Variante des Butlers Klaus-John Weber: Anzug, Krawatte, am Kragen ein kleiner goldener Schlüssel als Anstecknadel. Er ist das Symbol des Weltverbands der Luxusconcierges. Mehrmals im Jahr trifft sich Weidenbach mit Kollegen aus aller Welt und tauscht sich über die Bedürfnisse der Kunden aus. Wenn jemand beurteilen kann, ob sich die Lebenswelt der Reichen verändert hat, dann er.

Wenn ein neuer Mitarbeiter bei uns anfängt, frage ich zuallererst: „Hast du einen Duden zu Hause? Dann streich das Wort ›Nein‹ heraus!“ Ich versuche, den Kunden jeden Wunsch zu erfüllen. Einmal wollte einer zu einem ausverkauften Wu-Tang-Clan-Konzert, da habe ich die ganze Stadt durchtelefoniert. Ein anderes Mal wollte jemand an Heiligabend Ferrari fahren, da habe ich ein Autohaus gefunden, das ihm da noch einen verkauft. Ich bin der Meinung, dass mein Job auch immer wichtiger wird. Während die Dienstleistungen bei Hotels mit zwei oder drei Sternen weniger werden, legen unsere Gäste mehr und mehr Wert auf individuellen Service. Vor allem für die junge Generation ist es selbstverständlich, dass es alle erdenklichen Dienstleistungen gibt.

Dass sich die Wünsche ihrer Kunden verändert haben, erzählen viele Dienstleister. Der leitende Mitarbeiter eines großen deutschen Autoherstellers, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, sagt: „Ein klassischer Sportwagen gilt vielen Superreichen heute nicht mehr als ein Golf. Diese Kunden überzeugt man nur noch mit Einzigartigkeit, sie kaufen fast nur Limited Editions.“

Weltweit, auch in Deutschland, entstehen neuerdings Agenturen für Edel-Concierges, 24-Stunden-Nannys oder höchstpersönliche Reiseagenten. Selbst die Dating-App Tinder gibt es als Edelversion – eine Kontaktbörse für Reiche.

Während einerseits immer mehr Deutsche Geld, Aufwand und Energie sparen, über Online-Portale nach Billigflügen suchen und per App ihre Wohnungen, Autos und Nahrungsmittel teilen, scheint das Leben der Vermögenden immer kostbarer und exklusiver zu werden. Woran liegt das?

Die Escort-Dame

Eine Frau, die in der Zeitung nicht mit Namen genannt werden will, arbeitet für die Agentur Billionaires Escort und trifft sich ein- bis zweimal im Monat für Geld mit Männern. Drei Stunden mit ihr kosten 1.300 Euro, eine ganze Nacht 2.300 Euro. Sie erfährt viel Persönliches über die Männer, die sich solche Honorare leisten können und wollen – und nebenbei auch etwas über deren Verhältnis zur Realität.

An einem Sommertag sitzt die 34-Jährige in einem Eiscafé auf der Düsseldorfer Königsallee und sieht aus, als besäße sie selbst viel Geld: Sie trägt eine Bluse von Prada, Ohrringe aus Gold und eine Rolex-Uhr. Sie verkleidet sich oft, das gehört zum Geschäft. Ein paar Stunden lang tut sie so, als gehöre sie zur Welt der Reichen. Sie geht mit ihren Kunden shoppen, in exklusiven Restaurants essen und später in die Suite eines teuren Hotels. Manchmal spielt sie in der Öffentlichkeit die Assistentin, meist gibt sie sich als die Freundin aus. Findet sie einen Kunden nicht attraktiv, geht sie trotzdem mit ihm aufs Zimmer und tut so, als ob.

Sie sagt:

Bis jetzt hat mich nur einer von den Jungs als Dienstleisterin behandelt, er war sehr ruppig und hat mir schon in der Lobby an den Busen gefasst. Die meisten wünschen sich ein Girlfriend-Gefühl. Manche verstehen aber nicht, dass ich mich nicht in sie verliebe. Sie versuchen, meine private Handynummer herauszubekommen, und wollen mich ohne die Agentur treffen. Dabei bin ich ja zu ihnen nur so nett, weil sie mich dafür bezahlen. Ich höre weg, wenn mich etwas stört. Manche geben vorher Wünsche zu meiner Kleidung ab, selbst bei der Unterwäsche ist ihnen wichtig, dass ich Markenware trage. Viele vergessen dabei, dass ich nicht aus ihrer Welt komme. Einer hat mir mal ein 700 Euro teures Halstuch geschenkt. Für mich war das irre viel Geld, für ihn ein kleines Mitbringsel. Ich lebe ja dank des Nebenjobs nicht schlecht. Aber manche verstehen einfach nicht, dass ich mir nicht mal eben eine Birkin Bag für 8.000 Euro leisten kann. Und wenn ich ihnen erzähle, dass ich in meinem normalen Job nur 1.300 Euro im Monat verdiene, sind sie oft geschockt.

Wenn die Escort-Dame eine Analyse der Reichen schreiben sollte, dann klänge ihre These wohl wie eine Diagnose: Realitätsverlust. Tatsächlich existieren in Deutschland heute verschiedene Realitäten nebeneinander. Die Reichen scheinen sich in ihrer Wirklichkeit von den anderen sozialen Schichten weiter zu entfernen. Wie kommt das?

„Viele realisieren nicht, was außerhalb ihrer Welt der Standard ist“

Die Lehrerin

Nicht weit vom Bodensee entfernt, umgeben von Weinbergen, liegt Deutschlands bekanntestes Elite-Internat Schloss Salem. 36.000 Euro Schulgeld im Jahr plus rund 250 Euro Unterhalt im Monat zahlen Eltern, damit ihre Kinder hier zur Schule gehen dürfen. Durch einen Torbogen, vorbei an einer Wächterin, gelangt man aufs Schlossgelände. So stellt man sich ein Internat nach der Lektüre von Harry Potter vor: Im Schlossgarten blühen Rosen, zwischen Bäumen schweben Hängematten.

Im Erdgeschoss liegt das Büro von Dagmar Berger, die seit 36 Jahren als Lehrerin in Salem tätig ist. Als Aufnahmechefin lernt sie jeden Neuankömmling kennen, bevor er eingeschult wird, und führt Gespräche mit den Eltern. Nicht alle sind reich. In Salem leben heute auch Kinder aus wohlhabenden Akademikerfamilien, einige sind Stipendiaten. Und weil die Schüler sozial gemischt sind, erkennt Dagmar Berger die Unterschiede.

Ich habe das Gefühl, vermögenden Schülern fällt es heute schwerer als früher, zu akzeptieren, dass wir hier ein Leben auf normalem Niveau führen. Die Regeln sind: Immer drei oder vier müssen sich ein Zimmer teilen, alle müssen den Küchendienst übernehmen, und jeder bekommt alle zwei Wochen bis zu 50 Euro Taschengeld, je nach Alter. Schon früher bekamen manche noch Schwarzgeld obendrauf, aber heute haben die meisten sogar eine Kreditkarte. Mein Eindruck ist: Die sehr Vermögenden, die sich das Geld selbst hart erarbeitet haben, halten ihre Kinder kürzer als andere Reiche. Wenn es um die Zimmerverteilung geht, sind sie zum Teil sehr bescheiden. Es gibt aber auch Schüler, die in ein Nest hineingeboren wurden und sich nie Gedanken um Not machen mussten. Die einfach nach Paris fliegen, um sich dort drei verschiedene Abschlussball-Kleider schneidern zu lassen, oder die zum Abitur einen Sportwagen vors Schloss gestellt bekommen. Sind sie schlecht in Englisch, dann schicken ihre Eltern sie zum Feriensprachkurs nach London oder bestellen einen Privatlehrer. Und auch die Praktikumsplätze bekommen sie über Kontakte.

Wird ein Mensch reich geboren, vererben seine Eltern ihm auch soziales Kapital. Neben dem Kontostand ist es vor allem das, was die Schicht der Vermögenden heute von anderen sozialen Klassen trennt. So machte die amerikanische Soziologin Elizabeth Currid-Halkett diese Beobachtung: „Früher konntest du ökonomisch arm sein, aber ein sozial reicher Bohemien. Oder ein ungebildeter Neureicher.“ Heute sei das anders. „Die Reichen gehen an die teuersten Unis, sie leben im Ausland und spielen Geige.“ In den USA gäben die Reichen so viel Geld für Schulen und Universitäten aus, dass die unteren Schichten gar nicht mehr mithalten könnten. In Deutschland ist das Studieren zwar viel günstiger als in Amerika, doch auch hier werden arme und reiche Kinder unterschiedlich gefördert.

Schon der Franzose Pierre Bourdieu, Sohn eines Postangestellten und einer der einflussreichsten Soziologen des 20. Jahrhunderts, ging davon aus, dass vor allem der „Habitus“ soziale Schichten trennt. Kinder von Reichen sprächen anders, träten anders auf, trieben andere Sportarten und pflegten einen großzügigeren Lebensstil. Die Vermögenden haben nicht nur ein anderes Leben. Sie entwickeln auch eine eigene Kultur. Und einen eigenen Blick auf die Welt. Die Lehrerin sagt:

Manchmal glaube ich, viele der wohlhabenden Schüler nehmen gar nicht wahr, wie hart ihre Großeltern arbeiten mussten, um das Vermögen aufzubauen. Immer das neueste iPad und Urlaub im eigenen Ferienhaus, das ist für manche Schüler normal. Bei mündlichen Prüfungen fällt mir das auf. Einmal ging es um den Durchschnittslohn, da dachte ich: Das ist einfach nicht deren Realität. Einige unserer Schüler helfen zwar sehr engagiert im Flüchtlingsheim oder anderen sozialen Einrichtungen. Dort lernen sie ganz andere Umstände kennen. Aber ich glaube, viele realisieren nicht, was außerhalb ihrer Welt der Standard ist.

Wie Menschen ihre Umwelt wahrnehmen, lässt sich weitaus schwerer erforschen als Wohnlage oder Schulqualität. Umfragen in Großbritannien zeigen, dass viele Spitzenverdiener keine Vorstellung mehr von der tatsächlichen Armutsgrenze in ihrem Land haben. Gleiches gilt für den Durchschnittslohn. In den Jahren 2011 und 2012 befragte der Soziologe Michael Hartmann von der TU Darmstadt gemeinsam mit dem Wissenschaftszentrum Berlin Unternehmenschefs nach ihrem Blick auf die Gesellschaft. Während die meisten Arbeiterkinder, die es bis nach oben geschafft hatten, die Gesellschaft als ungerecht empfanden, erschien sie den meisten Chefs aus wohlhabendem Elternhaus als gerecht.

Sehr unterschiedlich dachten diese Unternehmenschefs auch über die Ursachen der Finanzkrise im Jahr 2008: Die Mehrheit der Befragten aus Arbeiterfamilien gab den Banken die Schuld. Diejenigen aus großbürgerlichen Familien sahen sie hingegen beim Staat und seinen Schulden. „Viele Reiche engagieren sich dafür, die Armut zu bekämpfen“, sagt Branko Milanović, der als Ökonom der Weltbank mehr als 30 Jahre zu Ungleichheit forschte. „Mehr Gleichheit wollen die meisten Reichen aber nicht.“

Im Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung wurden 2017 erstmals Hochvermögende zu ihren Einstellungen befragt. Die Umfrage ist nicht repräsentativ. Es fällt aber auf: 99 Prozent der Befragten waren der Ansicht, bereits genug an den Staat abzugeben. Statt Steuern zu zahlen, würden sie lieber spenden und selbst bestimmen, wer von ihrem Geld profitiert. Kann es sein, dass das Verhältnis der Vermögenden zum Staat gestört ist?

„Viele Leute glauben, Geld löse alle Probleme“

Der Anwalt

Am Eingang eines Büros in der Münchner Innenstadt öffnet sich eine schwere Holztür. Sie führt in eine Welt, zu der die meisten Menschen keinen Zutritt haben: in die Kanzlei Pöllath & Partners, spezialisiert auf Private Equity, auf das Vermögen von Privatpersonen. „Reich“ bedeutet in dieser Kanzlei: ab 100 Millionen Euro aufwärts. Aber „reich“ ist ein Wort, das in diesen Räumen nicht fällt. Es hat in Deutschland einen negativen Klang, zumindest in den Ohren der Vermögenden. Sie mögen es nicht, so bezeichnet zu werden. Als wohlhabend möchten sie gelten, das gilt als sozial verträglicher.

In einem Konferenzraum mit verspiegelten Lampen sitzt Stefan Viskorf. Auch er verrät nur Kundennamen, die schon öffentlich bekannt sind, wie den der Verlegerfamilie Bertelsmann oder des Einzelhandelsunternehmens Tchibo. Welche Beziehung seine Kunden zu ihrem Geld haben – kaum einer weiß das so genau wie Viskorf. Sein Job ist es, ihr Vermögen zu schützen. Er berät die Klienten bei Investitionen, überprüft ihre Steuererklärungen, schreibt ihre Testamente, Ehe- und Erbverträge. „Für manche bin ich auch der Kummerkasten“, sagt er. Sehr viele Leute, mit denen sie wirklich ganz offen reden können, hätten die meisten Wohlhabenden ja nicht.

Viele Leute glauben, Geld löse alle Probleme. Oft habe ich nach einem Telefongespräch mit meinen Mandanten aber das Gefühl: Geld macht auch nicht glücklich. Natürlich sind nicht alle gleich. Aber die Vermögenden haben Probleme, über die man normalerweise nie nachdenkt: Es gibt Kinder, die sich zurückgesetzt fühlen, weil ein anderer Geschäftsführer wird. Geschwister, die sich bis aufs Blut streiten, weil einer den besseren Dienstwagen fährt oder mehr über die Geschäfte weiß. Wenn es um ihr Geld geht, hegen viele Vermögende in Deutschland inzwischen ein dynastisches Denken. Das ist wie mit besonderen Uhren, bei denen sie sagen: Die bewahre ich für die nächste Generation auf. Für die meisten meiner Mandanten ist ihr Vermögen das, was für andere Omas Häuschen ist. Sie versuchen alles, um es zu schützen vor Gläubigern. Damit sie keine Begehrlichkeiten wecken, erzählen manche nicht einmal ihrem eigenen Nachwuchs, wie viel sie wirklich besitzen. Andere sagen: Das gehört uns gar nicht, wir verwalten es für die Familie. Und in die Testamente schreiben wir grundsätzlich, dass die Kinder erst ab dem 27. Lebensjahr Zugriff auf das Erbe bekommen sollen.

Dass die Vermögenden ein anderes Leben führen als die meisten anderen Menschen, hat auch damit zu tun, dass sie andere Probleme haben als der Durchschnitt. Stefan Viskorf findet die Begründung auf einer Namensliste, die er vor sich auf den Konferenztisch legt. Es ist ein Ranking des manager magazins mit dem geschätzten Vermögen der 500 reichsten Deutschen. Viele, die hier aufgelistet sind, verbindet man mit bekannten Produkten: Kühne, Schaeffler, Porsche. „Fast alle Reichen in Deutschland sind Familienunternehmer“, sagt Viskorf.

In den USA ist neuerdings die Rede von den working rich, einer Plutokratie, die durch Jobs bei IT-Unternehmen oder Hedgefonds zu Geld gekommen ist. In Deutschland verhält es sich anders. Zwar gibt es auch hier Spitzenmanager oder Fußballspieler, die viele Millionen Euro im Jahr verdienen, die Zahl der Einkommensmillionäre steigt seit Jahren. Aber so vermögend wie Viskorfs Kunden kann man als Angestellter in Deutschland kaum werden. Diejenigen, die hierzulande mehr als zweistellige Millionenvermögen haben, sind fast alle Unternehmer – oder aber: deren Erben.

Die meisten großen Unternehmen in Deutschland haben eine lange Tradition. Manche gibt es seit dem 17. Jahrhundert, viele von ihnen wurden bald nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet. Doch seit den 1980er Jahren kamen nur noch wenige bedeutende Firmen dazu. Wenn nicht gerade eine neue Branche entsteht, gelangt auf die Liste des manager magazins heute so schnell kein Gründer mehr. Nach ganz oben zu kommen ist schwerer geworden.

Der Weg nach unten aber auch. Während in den USA seit dem 19. Jahrhundert viele Menschen einen großen Teil ihres Reichtums vor ihrem Tod spenden, bleibt er in Deutschland meist in der Familie. „Wie der Reichtum in Deutschland weitergegeben wird, erinnert an eine feudale Struktur“, sagt Jens Beckert vom Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. Wer reich geboren ist, bleibt meist auch reich. „Das liegt auch an der deutschen Erbschaftsteuer“, sagt Beckert.

Während Privatvermögen ab einer Million Euro auch im engsten Familienkreis versteuert werden muss, blieb Betriebsvermögen in den letzten Jahren praktisch steuerfrei, wenn der Erbe die Nachfolge im Unternehmen antrat. Dieses Gesetz musste die Bundesregierung 2016 – dazu aufgefordert vom Bundesverfassungsgericht – überarbeiten. Viel hat sich allerdings nicht geändert. Auch in Zukunft dürfte es vermögenden Unternehmern daher gelingen, ihr Erbe steuerfrei weiterzugeben. Vor dem Gerichtsurteil, so Beckert, hätten viele Reiche allerdings gefürchtet, die Gesetze könnten verschärft werden. „Da bekamen 300 Minderjährige plötzlich im Schnitt zwischen 300 und 400 Millionen Euro geschenkt.“

Was dieses Vermögen mit den Erben macht, das erlebt der Anwalt Viskorf Tag für Tag.

Unterschiede zwischen Armen und Reichen hat es schon immer in Deutschland gegeben

Oft kommen die Eltern zu mir und erzählen mir von ihren Sorgen um die Kinder. Natürlich gibt es auch positive Beispiele. Manche Kinder gehen auf tolle Schulen, absolvieren anspruchsvolle Wirtschaftsstudiengänge im Ausland, aber dann kommen einigen Eltern doch Zweifel, ob sie mit ihrer Persönlichkeit dazu geeignet sind, die Nachfolge im Unternehmen anzutreten. Auf vielen Kindern lastet ein enormer Erfolgsdruck – weil sie selbst sehr ehrgeizig sind oder weil die Eltern das von ihnen erwarten. Wenn es um ihre Rolle in der Familie geht, sind viele Erben sehr sensibel. Sie wissen nicht, wie sie sich neben ihren Eltern und Großeltern definieren sollen. Deshalb machen nicht wenige etwas ganz anderes, werden Künstler oder handeln mit Antiquitäten. Denn sie wissen: Sie können niemals das erreichen, was ihre Großeltern und Eltern aufgebaut haben. Manche werden in Positionen gedrängt, die nicht zu ihnen passen. Andere versuchen, sich krampfhaft zu beweisen: Mit etwas Spielgeld von den Eltern beteiligen sie sich an Start-ups oder gründen selbst ein Unternehmen, teilweise auch sehr erfolgreich. Wieder andere sagen: Wieso soll ich überhaupt arbeiten? Sie fliegen nach New York, machen Party oder spielen Golf. Es sind nicht alle Familien unglücklich. Aber es ist ein ganz großes Glück, wenn man das Vermögen in die nächste Generation bekommt, ohne dass es zu irgendwelchen Verletzungen oder Dramen führt. Wenn die Eltern sagen können: Mensch, mit den Kindern kannst du abends noch ein Bier trinken, ohne dass irgendwelche Spannungen in der Luft liegen.

Wie jemand mit dem Geld umgeht, das er besitzt, hängt von seiner Persönlichkeit ab. Ob jemand sparsam ist oder großzügig, lässt sich nicht verallgemeinern. Doch es macht einen Unterschied, ob man sein Geld selbst erarbeitet hat oder schon reich zur Welt kommt. Werden Kinder in eine Parallelwelt hineingeboren, die mit dem Leben all der anderen Kinder wenig zu tun hat, verändert das ihren Bezug zu Geld und ihre Beziehung zu den normalen Bürgern.

Unternehmer wird man in der Regel mit einer guten Idee – erfolgreich allerdings erst durch Fleiß, Mut und dadurch, dass man für die Idee kämpft. Wer ein Vermögen von ganz unten aufgebaut hat, erinnert sich noch daran wie sein Leben ohne das Geld aussah. Welches Risiko er eingehen musste, was er opfern musste. Die Kinder der Unternehmensgründer haben diese Unsicherheit teilweise noch miterlebt. Viele wurden im Geiste der Eltern erzogen und halfen, das Unternehmen mit aufzubauen. Doch spätestens in der dritten Generation ist der Reichtum „normal“, ebenso sind es die Privilegien, die mit ihm einhergehen. Die Erbengeneration lebt also nicht nur in einer anderen Welt als ihre Altersgenossen. Sie lebt auch in einer anderen Welt als ihre Vorfahren.

In jeder Gesellschaft gibt es unterschiedliche Realitäten, auch die Meinungen unterscheiden sich. Doch wie die Reichen die Welt sehen, ist besonders relevant. Sie haben mehr Macht als andere.

Viele der befragten Dienstleister betonen, dass sich die Vermögenden sehr für die Gesellschaft engagieren. Der Butler erzählt: „Auf Partys und Empfängen werden auch Politiker eingeladen, amtierende und ehemalige Ministerpräsidenten.“ Der Anwalt sagt: „Viele Familienunternehmer sagen ja, dass sie bei einer Vermögensabgabe das Land verlassen werden. Ich denke aber, viele wollen gar nicht weg. Hier sind sie verwurzelt und sehr angesehen.“

Wer sich die Forschungsergebnisse des DIW und anderer Institute anschaut, der stößt auf einen Widerspruch: Reiche in Deutschland sind als Familienunternehmer in ihrer Region verhaftet. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite misstrauen sie dem Staat, der Stadt, dem Landkreis. Auch deswegen betreibt der Verband der Familienunternehmen seit Jahren erfolgreich Lobbyarbeit gegen eine höhere Erbschaftsteuer. Seine Mitglieder wollen sich nicht gängeln lassen von der Gesellschaft, die sie umgibt, der sie sich aber oft fern fühlen. Sich selbst trauen sie meist mehr zu als dem Staat.

Dietmar Hopp ist das Paradebeispiel für einen erfolgreichen und gesellschaftlich engagierten Unternehmer. Er ist einer der Gründer des Softwarekonzerns SAP und ein bekannter Mäzen des Fußballvereins TSG 1899 Hoffenheim, er hat eine der größten privaten Stiftungen Europas ins Leben gerufen, die Bildungs- und Sportprojekte genauso unterstützt wie medizinische Forschung. Über Hopp kann man bedenkenlos sagen: Er macht sich verdient um die Gesellschaft, in der er lebt. Man kann über ihn aber genauso bedenkenlos sagen: Er macht die Gesellschaft, die er fördert, abhängig von seinem Wohlwollen.

Geld und soziales Kapital bieten den Vermögenden neue Möglichkeiten. Sie beeinflussen die Gesellschaft. Als Sponsoren bezahlen einige von ihnen Hörsäle in Universitäten, sie unterstützen Museen oder spendieren Schulen neue Kantinen. Manche Kommunen sind inzwischen auf ihre Unterstützung angewiesen. Die Vermögenden zahlen zwar kaum Steuer, bestimmen aber mit, wie sich die Gesellschaft entwickelt. Man könnte sagen: Statt ein gleichwertiges Mitglied des Staates zu sein, werden manche von ihnen zu regionalen Fürsten.

Der Politikwissenschaftler Armin Schäfer von der Uni Osnabrück fand heraus: Reiche haben mehr politische Macht in Deutschland als andere. Sie nehmen mehr Einfluss auf die Gesellschaft, deshalb richtet sich die Politik stärker nach ihren Wünschen.

Unterschiede zwischen Armen und Reichen hat es schon immer in Deutschland gegeben. Sie lassen sich so rasch auch nicht auflösen. Die entscheidende Frage bleibt aber: Was verbindet die Reichen mit dem Rest der Gesellschaft?

Wenn es stimmt, was die Dienstleister und Wissenschaftler berichten, dann zählen die meisten deutschen Reichen zwar nicht zu einer globalisierten Elite, die sich während ausgelassener Partynächte auf Dachterrassen in New York oder Shanghai mit Kokain berauscht. Viel repräsentativer ist hierzulande der reiche Maschinenbauunternehmer aus Schwäbisch Gmünd, der seinen Urlaub hinter hohen Hecken auf Sylt verbringt und sich fragt, wie er sein Geld vor dem Staat retten kann, um damit die Gesellschaft nach eigenen Wünschen zu gestalten. Eine Gesellschaft, von der er allerdings immer weniger mitbekommt. Und von deren übrigen Bürgern er sich abschottet – im Reich der Reichen.

Emotionen ignoriert man auf eigene Gefahr

NZZ – Eugen Stamm

Über Geld sollte man unbedingt reden – zumindest mit all jenen, denen man es weitergibt. Es geht nicht nur darum, schädlichen Streit zu vermeiden, sondern auch darum, Werte weiterzugeben.

Wer seine Kinder liebt, will ihnen möglichst viel mitgeben. Die Logik, dass mehr auch zwingend besser ist, wird selten hinterfragt. Ist ein Haus nicht besser als keines, sind fünf Millionen nicht besser als bloss eine? Manchmal geht vergessen – weil so viel Energie in die Mehrung des Geldes geht –, dass ein schlecht vorbereiteter Vermögenstransfer eine Familie zu entzweien vermag. «Eltern im Himmel, Nachkommen vor Gericht», sagt ein chinesisches Sprichwort. Julia Friedrichs schreibt in ihrem Buch «Wir Erben», dass in Deutschland um jede vierte Erbschaft von mehr als 100 000 Euro gestritten werde. Roy Williams und Vic Preisser gehen in «Preparing Heirs» davon aus, dass sogar 70% der Vermögenstransfers scheitern, also ungewollt Gelder verloren gehen. Wie kann das möglich sein?

Auswirkungen abschätzen

Je grösser ein Vermögen, desto grösser ist in der Regel auch der Bedarf an Beratung in finanziellen, steuerlichen und rechtlichen Fragen. Wenn manche Familienmitglieder auch noch, wie immer häufiger, in verschiedenen Ländern leben, arbeiten und investieren, werden diese Fragen noch komplizierter.

Für alle technischen Aspekte des Themas Erben stehen gut ausgebildete Berater bereit, die Vermögen zu strukturieren und zu organisieren wissen. Die Fehlerquellen liegen selten bei ihnen. Konflikte entstehen meist dann, wenn emotionale Themen in einer Familie ignoriert werden. Anders gesagt: Ein Anwalt hilft dabei, Testamente ohne Formfehler aufzusetzen. Aber hat man sich auch genügend damit auseinandergesetzt, was die formulierten Bestimmungen bei den Erben auslösen? Es sei unrealistisch, zu erwarten, dass man mit einem Testament die Prioritäten der Erben bestimmen könne, schreiben Williams und Preisser, und ausserdem sei dieses Ansinnen der Einheit der Familie nicht zuträglich. Vom enttäuschten Erben bis zum Kläger ist es nur ein kleiner Schritt.

Eines der schädlichsten Dinge, die ein Elternteil tun könne, sei es, Vermögen ungleich zwischen den Kindern aufzuteilen, schreibt Philip Marcovici in «The Destructive Power of Family Wealth». Es mag Konstellationen geben, wo Sachzwänge dies rechtfertigen, aber dann sollten diese diskutiert werden. Ganz allgemein gilt es, von seinem Recht, Dinge zu bestimmen, nicht in einer einsamen Stunde Gebrauch zu machen, sondern die Aufteilung der Güter mit den Begünstigten zu besprechen.

Grosse Summen zu erben, ist ein Schock, auf den man Menschen vorbereiten muss. Wenn jemand erfolgreich berufstätig ist, vielleicht sogar als Unternehmer, was passiert dann mit seinem Selbstwertgefühl, wenn er aus Kapitalerträgen plötzlich zehnmal so viel verdient? Hat er die nötigen Fähigkeiten und das Verständnis, um das familiäre Vermögen zu bewahren, oder wird er es schnell wieder verlieren? Das mag sich nach Luxusproblemen anhören, wie man sie gerne hätte, aber tatsächlich kann Geld eine grosse zerstörerische Wirkung entfalten. Erben, die offenbar weder mit sich noch mit ihrem Vermögen etwas Gescheites anfangen können, sorgen regelmässig für Schlagzeilen.

Die verbreitete Mentalität, ja, das Tabu, über Geld (nicht) zu reden, ist in diesem Kontext schädlich. Denn auch der Besitzer des zu vererbenden Vermögens macht sich Sorgen: Wird der Reichtum den Kindern ihren Antrieb rauben? Gerade dieser Punkt hat in den USA und in anderen Ländern, in denen kein Pflichtteilsrecht existiert, dazu geführt, dass manche ihren Nachkommen nicht zu viel hinterlassen wollen. Vermögen kann auch paranoid machen: Besuchen die Kinder mich im hohen Alter nur noch des Geldes wegen? Dass solche Gedanken aufkeimen, kann man durch Offenheit im Umgang eindämmen. Wenn allen Erben klar ist, wer wann wie viel bekommt, so schreibt Marcovici, dann kann der Erblasser die letzten Jahre seines Lebens geniessen, ohne dauernd an Geld denken zu müssen – und damit auch die Gefahr verringern, zu Änderungen des Testaments gedrängt zu werden, wenn er gebrechlich und schwach wird.

Family-Governance als Lösung

Von den Familien mit den höchsten Vermögen kann man lernen, wie sie die emotionalen Aspekte anpacken. Angeführt von Beratern in den USA, hat sich eine Disziplin entwickelt, die «Family Governance» heisst. So, wie die Corporate Governance die gute Unternehmensführung zum Ziel hat, will man hier die Geschicke von Familien steuern. Ein brauchbarer deutscher Begriff, unter dem alle dasselbe verstehen, hat sich noch nicht etabliert. Man könnte von einem «Familienkonzil» reden, einer regelmässigen Zusammenkunft aller Familienmitglieder, bei der finanzielle Aspekte diskutiert werden und anderes, was die Familie zusammenhält.

In der Regel leitet ein externer Spezialist diese Treffen. Es geht darum, die Familie anzuleiten, in einem strukturierten, moderierten Prozess. Er soll bei den Anwesenden Verbindlichkeit und Klarheit schaffen über das, was der Einzelne erwarten kann und was wiederum von ihm erwartet wird. Weil solche Treffen Beratern Zugang zur nächsten Generation verschaffen, reklamieren verschiedene Berufsgattungen für sich, dieses Thema zu beherrschen – seien es Anwälte oder Banker –, auch wenn die eingesetzten Methoden eigentlich aus der Psychologie stammen.

Wie das konkret funktioniert, zeigt das Beispiel einer Familie, deren Mitglieder sich mehrmals pro Jahr, auch samstags, in den Büros des Marcuard Family Office in Zürich treffen. Diese Firma betreut mehrheitlich Familien, die mindestens zweistellige Millionenbeträge besitzen. Am Anfang des Prozesses stehe eine Diskussion über Werte, erläutert Jorge Frey, Managing Partner von Marcuard.

Was verbindet die Menschen, ist ihnen Tradition und Sicherheit wichtig oder Innovation und Risiko? Welche Werte hat die Elterngeneration den Söhnen und Töchtern im Umgang mit Geld vermittelt? Dass es wichtig ist, der Gesellschaft etwas zurückzugeben? Oder dass andere auch reich sein könnten, wenn sie nur hart arbeiteten?

Oftmals komme es zu Überraschungen, wenn jemand etwas sage, was die anderen nicht vermutet hätten, und es dann heisse: Ich wurde nie danach gefragt. Es klingt trivial, an einem Tisch über den Stellenwert des Geldes zu reden. Aber um die Frage zu beantworten, wie Geld angelegt werden soll, welche Anlageklassen dem Sicherheitsbedürfnis der Familie entsprechen, sind solche Diskussionen elementar. Die Rolle des Moderators besteht darin, jeder Person eine Stimme zu geben. Man sollte zum Patriarchen oder zur Matriarchin ein gutes und vertrauliches Verhältnis haben, dürfe aber von den anderen nicht als deren Sprachrohr wahrgenommen werden, sondern vielmehr als neutraler Moderater, sagt Frey.

Wie Barbara Hauser, Spezialistin für Family-Governance an einem Vortrag des Europa-Institutes in Zürich erläuterte, umfasst die Family-Governance oftmals auch das Schreiben einer Familien-Verfassung, eines Dokumentes, das in groben Zügen festhält, wo eine Familie herkommt und wo sie hinwill. Es bestimmt aber auch Handfestes, etwa, welche Bedingungen für die Arbeit in einem Familienunternehmen erfüllt sein müssen, ob eingeheiratete Personen an den Familiensitzungen teilnehmen dürfen und zig andere Details.

Noch wichtiger als das Papier an sich sei jedoch sein Entstehungsprozess, sagt Hauser. Die gemeinsame Arbeit der Familie an der Verfassung sei schon ein verbindender Prozess. Häufig, so hat Frey beobachtet, wird der Prozess von der jüngeren Generation angestossen, die meist zahlreicher und auch nicht mehr so eng verbunden ist wie die ältere Generation. Auf jeden Fall dauert so ein Projekt länger; der Beratungsprozess kann ohne weiteres Zehntausende von Franken kosten. Eines ist aber sicher: Wenn man dem Thema Emotionen nicht genügend Beachtung schenkt, dann können Erbstreitigkeiten gewaltigen Schaden anrichten, neben dem dieser Aufwand lächerlich erscheint.